Fracking raus, Rüstung rein: Wie sich das Nachhaltige an grünen Fonds verschiebt
Eine Langzeitauswertung vergleicht hunderte nachhaltige Fonds über vier Jahre – und zeigt eine deutliche Verschiebung: Verteidigungswerte gewinnen an Gewicht, fossile Förderung verliert. Dahinter steckt weniger ein Sinneswandel der Anleger als ein umgeschriebenes Regelwerk.
Wer sein Geld in einen „nachhaltigen" Fonds steckt, verbindet damit meist eine klare Vorstellung: keine Waffen, keine Kohle, kein Öl aus fragwürdiger Förderung. Eine aktuelle Langzeitauswertung legt nahe, dass sich diese Vorstellung von der Wirklichkeit gelöst hat. Der Vermögensverwalter Greenvest aus Vaihingen an der Enz hat nach eigenen Angaben 750 identische nachhaltige Fonds über den Zeitraum von 2022 bis 2026 verglichen. Das Ergebnis laut Unternehmensmitteilung: Der Anteil an Rüstungswerten stieg im Schnitt um 9,7 Prozentpunkte, während die Beteiligung an Fracking-Unternehmen um 10,0 Prozentpunkte zurückging.
Eine Momentaufnahme mit belastbarem Kern
Die Zahlen stammen von einem einzelnen Anbieter und sind entsprechend als dessen Auswertung zu lesen. Die Richtung aber deckt sich mit unabhängigen Beobachtungen. Das Analysehaus Morningstar hat für europäische ESG-Aktienfonds ein um den Faktor 2,7 gestiegenes Engagement im Bereich Raumfahrt und Verteidigung ermittelt; bei aktiv gemanagten Fonds nach Artikel 8 der EU-Offenlegungsverordnung halten inzwischen rund 43 Prozent Positionen in Verteidigungstiteln. Der Trend ist also kein Ausreißer eines Datensatzes, sondern ein breiter Zug durch die Branche.
Was das Regelwerk verändert hat
Der Auslöser liegt weniger im Depot der Anleger als in den Definitionen dahinter. Der deutsche Fondsverband BVI passte Ende 2024 sein sogenanntes ESG-Zielmarktkonzept an und strich den bis dahin üblichen pauschalen Ausschluss von Unternehmen, die mehr als zehn Prozent ihres Umsatzes mit Rüstungsgütern erzielen. Parallel stellte die EU-Kommission klar, dass ihr Rahmen für nachhaltige Finanzierung Investitionen in den Verteidigungssektor nicht grundsätzlich ausschließt. Damit fiel eine Grenze, die jahrelang als selbstverständlich galt – und die Fonds konnten Titel aufnehmen, die zuvor tabu waren.
Begründet wird die Öffnung meist mit einem veränderten sicherheitspolitischen Klima: Was früher als Ausschlusskriterium galt, wird heute vielfach als Beitrag zur Widerstandsfähigkeit demokratischer Gesellschaften gedeutet. Ob diese Umdeutung überzeugt, ist eine politische Frage. Für den Fondsmarkt ist zunächst nur entscheidend, dass sie regulatorisch möglich wurde.
Warum Fracking den umgekehrten Weg geht
Spiegelbildlich verliert die unkonventionelle Förderung von Öl und Gas an Boden. Hier wirken mehrere Kräfte in dieselbe Richtung: Die Ausschlusslisten für fossile Energien sind über die Jahre eher strenger geworden, der Umbau der Energiesysteme drückt die langfristigen Erwartungen an fossile Geschäftsmodelle, und der Reputationsdruck auf Fracking als besonders umstrittene Fördermethode bleibt hoch. Wo ein nachhaltiger Fonds heute Prioritäten setzen muss, fällt die Entscheidung gegen den Bohrturm inzwischen leichter als gegen die Verteidigungsanleihe.
Was sich daraus lesen lässt
Die eigentliche Lehre der Auswertung betrifft weniger einzelne Branchen als das Etikett selbst. „Nachhaltig" ist kein geschützter, einheitlich definierter Begriff, sondern ein Sammelname für sehr unterschiedliche Kriterienkataloge. Zwei Fonds mit demselben grünen Anspruch können völlig verschiedene Dinge im Bauch tragen – und beide können sich über Nacht verändern, wenn sich die zugrunde liegenden Standards verschieben. Wer wissen will, was tatsächlich im Fonds steckt, kommt um einen Blick in die Anlagebedingungen und die Ausschlusskriterien nicht herum. Das Label auf der Verpackung ersetzt diese Prüfung nicht.
Dieser Beitrag ordnet eine Branchenauswertung journalistisch ein und stellt keine Anlageberatung dar. Angaben zu einzelnen Auswertungen beruhen auf Unternehmensmitteilungen.
Redaktionelle Einordnung eines aktuellen Branchentrends auf Basis öffentlich verfügbarer Auswertungen und Marktdaten.