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Kilometer sammeln fürs Klima: Warum STADTRADELN zum Wettbewerb ganzer Regionen wird

Ein mittelfränkisches Unternehmen meldet stolz Platz vier in der Ortswertung seiner Gemeinde. Dahinter steht eine Kampagne, die vom Nischenprojekt zum bundesweiten Massenphänomen geworden ist – und die mehr messen will als zurückgelegte Strecken.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Wenn ein Betrieb vermeldet, seine Belegschaft habe bei einer Aktion 2.740 Kilometer erradelt und damit Platz vier in der Ortswertung erreicht, klingt das nach lokaler Vereinsmeldung. Tatsächlich ist es ein winziger Ausschnitt aus einem der größten Breitensport- und Klimaprojekte des Landes: STADTRADELN. Immer mehr Unternehmen, Vereine und Schulen treten dabei nicht gegeneinander auf dem Sportplatz an, sondern auf dem Sattel – und die Summe ihrer Alltagswege ergibt am Ende beeindruckende Zahlen.

Vom Klima-Bündnis zum Massenphänomen

Getragen wird die Kampagne vom Klima-Bündnis, einem Zusammenschluss europäischer Kommunen. Die Idee ist bewusst simpel gehalten: Teilnehmende Städte und Gemeinden wählen einen Zeitraum von 21 zusammenhängenden Tagen zwischen Mai und September. In diesen drei Wochen zählt jeder mit dem Rad zurückgelegte Kilometer – ob zur Arbeit, zum Einkauf oder in der Freizeit. Wer mitmacht, trägt seine Strecken in eine App oder online ein, gebündelt in Teams. Am Ende werden die erfolgreichsten Kommunen in mehreren Kategorien ausgezeichnet.

Die Dimension hat sich über die Jahre stark verändert. 2025 beteiligten sich nach Angaben der Veranstalter mehr als 1,2 Millionen Menschen aus rund 3.000 Kommunen und legten zusammen rund 237 Millionen Kilometer zurück. Aus einem Wettbewerb einzelner Vorreiterstädte ist damit eine Bewegung geworden, die von der Großstadt bis zur kleinen Landgemeinde reicht. Wie groß die einzelnen Ergebnisse ausfallen können, zeigt etwa Stuttgart, wo im Jahr 2026 laut Stadt gut 8.800 Teilnehmende zusammen fast 1,8 Millionen Kilometer erradelten.

Was die Kampagne wirklich messen will

Der sportliche Wettstreit ist dabei nur die sichtbare Oberfläche. Das eigentliche Ziel liegt tiefer: Menschen sollen für drei Wochen ausprobieren, kurze Alltagswege konsequent mit dem Rad statt mit dem Auto zurückzulegen – in der Hoffnung, dass die Gewohnheit über den Aktionszeitraum hinaus bleibt. Denn ein großer Teil der Autofahrten in Deutschland ist kürzer als fünf Kilometer, also eine Distanz, die sich in vielen Fällen mit dem Rad bewältigen ließe. Jeder so vermiedene Kilometer spart rechnerisch Kohlendioxid, das die Kampagne gut sichtbar aufaddiert.

Hinzu kommt eine politische Ebene, die leicht übersehen wird. Über ein begleitendes Meldesystem können Radelnde Gefahrenstellen und Ärgernisse im Radwegenetz melden – Schlaglöcher, fehlende Wege, unübersichtliche Kreuzungen. Für Kommunen wird die Aktion damit auch zu einer Datenquelle darüber, wo die Infrastruktur hakt. Ob diese Hinweise anschließend in konkrete Bauprojekte münden, hängt allerdings vom Willen und vom Budget der jeweiligen Verwaltung ab.

Zwischen echtem Effekt und Wohlfühlbilanz

Kritisch lässt sich einwenden, dass drei Wochen im Sommer wenig über das Verhalten im nasskalten November aussagen. Ein Teil der gemeldeten Kilometer wäre vermutlich ohnehin geradelt worden, und wer im Aktionszeitraum begeistert mitfährt, sitzt danach oft wieder im Auto. Der messbare Klimaeffekt einer einzelnen Kampagne bleibt daher überschaubar. Ihr Wert liegt weniger in den eingesparten Tonnen CO₂ als in der Aufmerksamkeit: STADTRADELN macht das Radfahren für ein paar Wochen zum lokalen Gesprächsthema und bringt Verwaltungen, Betriebe und Vereine an einen Tisch, die sonst wenig mit Verkehrspolitik zu tun haben.

Für den einzelnen Betrieb, der stolz seine Platzierung vermeldet, ist das ein sympathischer Nebeneffekt für das Teamgefühl. Für die Städte ist es ein niedrigschwelliger Einstieg in eine Debatte, die ohnehin ansteht: Wie viel Platz bekommt das Rad im Verkehr der Zukunft? Die Anmeldung für die laufende Saison ist vielerorts noch bis in den September möglich.


Dieser Beitrag ordnet einen aktuellen Anlass redaktionell ein und beruht auf öffentlich zugänglichen Angaben der Veranstalter und teilnehmender Kommunen.