Alte Sorte, neuer Ertrag: Wie Veredelung Perus Edelkakao vor dem Verschwinden bewahren soll
Aromatische, aber ertragsarme Kakaosorten geraten unter Druck, weil ertragsstarke Massensorten mehr einbringen. Eine Studie aus Peru zeigt nun einen Ausweg, der Geschmack und Ernte versöhnen könnte – und dabei die genetische Vielfalt erhält.
Guter Kakao steht vor einem stillen Dilemma. Die Sorten, aus denen die feinsten Schokoladen entstehen, tragen oft nur wenige Früchte. Wer als Kleinbauer vom Anbau leben muss, steht deshalb regelmäßig vor der Versuchung, die alten, aromatischen Bäume durch ertragsstarke Massensorten zu ersetzen. Was betriebswirtschaftlich vernünftig klingt, bedeutet über die Jahre einen schleichenden Verlust: an Geschmack, an genetischer Vielfalt und an einem kulturellen Erbe, das in manchen Anbauregionen Jahrhunderte zurückreicht.
Ein Konflikt zwischen Aroma und Menge
Im Zentrum einer aktuellen Untersuchung steht eine Sorte namens „Blanco de Piura“, die im Nordwesten Perus heimisch ist. Ihre Bohnen sind für das feine Aroma der daraus hergestellten Schokolade geschätzt – doch die Sorte galt lange als wenig ergiebig. Genau dieser Ruf ist es, der solche Kakaobäume gefährdet: Wo der Ertrag pro Baum niedrig ist, wächst der Anreiz, auf standardisierte Hochleistungssorten umzusteigen, allen voran die weltweit verbreitete kommerzielle Sorte CCN-51.
Ein Forschungsteam unter Leitung der Agrarökologin Carolina Ocampo-Ariza von der Universität Göttingen, gemeinsam mit der Organisation Bioversity International in Peru, ist der Frage nachgegangen, ob sich dieser Zielkonflikt auflösen lässt. Die Ergebnisse erschienen laut den Beteiligten in der Fachzeitschrift Agronomy for Sustainable Development. Der Ansatz ist keine Hightech-Lösung, sondern eine altbekannte gärtnerische Technik: die Veredelung.
Was die Veredelung leistet
Bei der Veredelung werden Teile einer Pflanze auf eine andere übertragen, sodass der neue Trieb auf einer bereits etablierten Wurzel weiterwächst. Das Team veredelte dafür verschiedene „Genotypen“ – also Züchtungsvarianten der Sorte „Blanco de Piura“ – auf mehr als 2.000 ausgewachsene Bäume in zwölf Plantagen. Wählten die Forschenden dabei besonders ertragreiche Varianten der Sorte, stieg die Ernte den Angaben zufolge auf ein Niveau, das mit der kommerziellen Massensorte CCN-51 vergleichbar ist.
Der entscheidende Punkt: Die Bauern müssen ihre heimischen Bäume dafür nicht roden. „Durch die Veredelung können sie ihre heimischen Bäume erhalten und gleichzeitig höhere Erträge erzielen, ohne auf den Mehrwert des besonders aromatischen Kakaos verzichten zu müssen“, wird Mitautor Evert Thomas von Bioversity International in der Mitteilung zitiert. Aus einer Entweder-oder-Entscheidung – Aroma oder Ertrag – wird so im günstigen Fall ein Sowohl-als-auch.
Vielfalt als Versicherung
Die Studie liefert noch eine zweite, praxisnahe Erkenntnis. Wie eine Plantage am besten aufgebaut wird, hängt demnach davon ab, wie intensiv sie gepflegt werden kann. Genetisch vielfältige Anlagen mit mehreren Varianten eignen sich den Ergebnissen zufolge besonders für Kleinbauern, die ihre Felder nur selten bewirtschaften können. Wer dagegen regelmäßig beschneidet und befallene Früchte entfernt, fährt mit genetisch einheitlichen Beständen aus einem einzigen Genotyp gut. Überraschend war für das Team zudem, dass sich die ausgewählten Varianten selbst bestäuben – was erklärt, warum auch Plantagen mit nur einer Sorte produktiv sein können.
Hinter dem technischen Befund steht ein größeres Thema. Die genetische Vielfalt von Nutzpflanzen gilt Fachleuten als eine Art Versicherung gegen Krankheiten, Schädlinge und ein sich wandelndes Klima. Studien deuten darauf hin, dass Teile der heutigen westafrikanischen Anbaugebiete, aus denen ein Großteil der Welternte stammt, langfristig für den Kakaoanbau schwieriger werden könnten. Vor diesem Hintergrund ist das Wissen darüber, welche einheimischen Sorten sich wie bewirtschaften lassen, mehr als eine Frage des Geschmacks.
Ob sich der Ansatz breit durchsetzt, hängt von vielem ab – von Schulung und Kosten der Veredelung über die Preise, die Edelkakao am Markt erzielt, bis zu den örtlichen Bedingungen. Ein Allheilmittel ist er nicht. Aber er zeigt, dass Erhalt und Ertrag keine grundsätzlichen Gegner sein müssen. Für eine Zutat, die weltweit Milliarden erfreut und deren Ursprung meist im Verborgenen bleibt, ist das eine bemerkenswert konkrete gute Nachricht.
Redaktionelle Einordnung einer aktuellen agrarwissenschaftlichen Studie. Angaben zu Erträgen und Methodik beruhen auf der Mitteilung der beteiligten Forschungseinrichtungen.