News

Masken aus dem Nichts: Warum zwei chinesische Fundorte die Bronzezeit neu erzählen

Zwei Museen in der südwestchinesischen Provinz Sichuan feiern Jubiläen ihrer spektakulärsten Funde. Dahinter steht eine Bronzekultur, die lange keinen Platz in der Geschichte des alten China hatte – und deren goldene Masken bis heute Rätsel aufgeben.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

In diesem Jahr fallen an zwei archäologischen Stätten im Südwesten Chinas runde Jahrestage zusammen. Das Museum von Sanxingdui in Guanghan erinnert an die Entdeckung seiner berühmten Opfergruben vor vier Jahrzehnten, das Stättenmuseum von Jinsha in Chengdu an einen Fund, der ein Vierteljahrhundert zurückliegt. Beide Orte liegen nur rund 40 Kilometer voneinander entfernt, der eine im Norden, der andere im Süden der Ebene von Chengdu. Zusammen erzählen sie die Geschichte einer Hochkultur, die in den Schulbüchern des alten China lange schlicht nicht vorkam.

Ein Zufallsfund, der das Bild vom alten China verschob

1986 stießen Arbeiter einer Ziegelei bei Sanxingdui auf zwei Gruben, in denen Hunderte Objekte lagen: monumentale Bronzen, kunstvoll gearbeitete Jadestücke, verbrannte Tierknochen und Dutzende Elefantenstoßzähne. Darunter befanden sich Stücke, die bis heute zum Erstaunlichsten der ostasiatischen Archäologie zählen – eine überlebensgroße stehende Bronzefigur, ein bronzener „heiliger Baum" und Masken mit weit hervortretenden Augen und übergroßen Ohren. Nichts davon ließ sich zwanglos in die bis dahin bekannte Bronzekunst der chinesischen Zentralebene einordnen.

Genau das war das Aufsehenerregende: Die Funde zeigten, dass rund um das dritte bis erste vorchristliche Jahrtausend am oberen Jangtse eine eigenständige, technisch hochentwickelte Kultur bestand – weit entfernt von den Dynastien, die man traditionell als Wiege der chinesischen Zivilisation betrachtete. Forscher ordnen die Funde dem Reich Shu zu, einem Staat, der auf der Ebene von Chengdu bestand, bis er 316 v. Chr. dem expandierenden Qin-Reich unterlag.

Jinsha – die Fortsetzung der Geschichte

2001 kam bei Bauarbeiten in Chengdu die Stätte von Jinsha zum Vorschein. Sie gilt als politisches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum, das nach dem Niedergang von Sanxingdui entstand. Manche Objekte knüpfen sichtbar an die ältere Stätte an, andere tragen eine eigene Handschrift. Das bekannteste Fundstück ist eine hauchdünne Goldscheibe, auf der vier Vögel eine strahlende Sonne umkreisen – ein Motiv, das heute als Sinnbild des chinesischen Kulturerbes gilt und dessen Umriss weit über die Region hinaus verwendet wird.

Zusammen genommen lassen sich an beiden Orten die Entwicklungsstufen einer Bronzezivilisation ablesen, die über Jahrhunderte fortbestand. Das ist archäologisch selten: Meist bleibt von frühen Kulturen nur ein einzelner, isolierter Ausschnitt. Hier fügen sich zwei Fundorte zu einer durchgehenden Erzählung.

Warum die Funde noch immer Rätsel aufgeben

Trotz jahrzehntelanger Grabungen bleibt vieles offen. Die Menschen von Sanxingdui hinterließen keine entzifferte Schrift, weshalb sich ihre Vorstellungswelt nur aus den Objekten erschließen lässt. Warum die kostbaren Bronzen zerbrochen, teils verbrannt und vergraben wurden, ist bis heute umstritten – ob als Opfer, bei einem religiösen Umbruch oder aus politischen Gründen, darüber wird weiter gestritten. Auch die Herkunft des verarbeiteten Metalls und der Elfenbeinmengen ist Gegenstand laufender Untersuchungen.

Für die Museen sind die Jubiläen daher weniger ein Schlusspunkt als eine Zwischenbilanz. Neuere Grabungen an weiteren Gruben in Sanxingdui haben in den vergangenen Jahren tausende zusätzliche Fragmente zutage gefördert, die erst nach und nach ausgewertet und zusammengesetzt werden. Manche Bronzeteile aus verschiedenen Gruben passen offenbar zusammen – ein Hinweis darauf, dass die Funde über einen längeren Zeitraum entstanden und bewusst niedergelegt wurden.

Ein Fenster in eine wenig bekannte Frühgeschichte

Für ein europäisches Publikum sind die Namen Sanxingdui und Jinsha bislang kaum geläufig. Dabei rütteln die Funde an einer verbreiteten Annahme, wonach sich frühe Hochkulturen jeweils aus einem einzigen Kernraum entwickelt hätten. Die Bronzen vom oberen Jangtse zeigen, dass mehrere Zentren nebeneinander bestehen und sich gegenseitig beeinflussen konnten. Die Jubiläumsveranstaltungen dürften vor allem eines bewirken: dass eine Kultur, die einst spurlos verschwand, ein Stück weiter aus dem Dunkel tritt.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen und archäologischer Fachdarstellungen und dient der allgemeinen Information.