News

Chef auf Zeit, aber nur ein Drittel: Warum "Fractional"-Führungskräfte im Mittelstand ankommen

Ein Marketingchef, der offiziell zum Mitgründer wechselt – solche Personalien machen ein Modell sichtbar, das leise wächst: die geteilte Führungskraft. Statt einer vollen C-Level-Stelle buchen Unternehmen erfahrene Manager tageweise ein. Was hinter dem "Fractional"-Trend steckt und wo seine Grenzen liegen.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Wenn ein Marketingverantwortlicher seinen Posten räumt, ist das normalerweise keine Nachricht wert. Dass eine aktuelle Unternehmensmeldung den Wechsel eines "Fractional CMO" zum Mitgründer eigens hervorhebt, verrät jedoch etwas über eine Verschiebung in den Führungsetagen: Die Vorstellung, dass ein Vorstands- oder Bereichsleiterposten zwingend eine Vollzeitstelle sein muss, bröckelt. An ihre Stelle tritt in immer mehr Betrieben ein Modell, das aus dem englischen Sprachraum kommt und dort längst einen Namen hat – die "fractional", also anteilige Führungskraft.

Was eine anteilige Führungskraft ist

Das Prinzip ist schnell erklärt. Ein Fractional Executive ist eine erfahrene Führungskraft – etwa ein Marketing-, Finanz- oder Technikchef – die ihre Leitungsfunktion nicht für ein einziges Unternehmen in Vollzeit ausübt, sondern parallel für mehrere Auftraggeber, jeweils an einem festgelegten Anteil ihrer Arbeitszeit. Üblich sind laut Marktbeobachtern ein bis drei Tage pro Woche oder ein festes Stundenkontingent im Monat. Der Unterschied zum klassischen Interim-Manager, der eine Vakanz für einige Monate in Vollzeit überbrückt, liegt in der Dauerhaftigkeit bei gleichzeitig reduziertem Umfang: Die anteilige Führungskraft bleibt oft über Jahre, aber eben nur mit einem Bruchteil ihrer Kapazität.

Der Reiz für kleinere und mittlere Unternehmen liegt auf der Hand. Eine vollwertige Marketing- oder Finanzleitung ist teuer, und viele Betriebe brauchen die strategische Erfahrung eines solchen Kopfes, aber nicht dessen ständige Anwesenheit. Branchenschätzungen beziffern die Vollkosten einer Vollzeit-Leitungsstelle auf der C-Ebene auf einen sechsstelligen Betrag pro Jahr – eine Summe, die gerade wachsende Firmen scheuen, solange die Aufgabe nur einen Teil der Woche füllt. Das anteilige Modell verspricht denselben Erfahrungsschatz zu einem Bruchteil der Fixkosten.

Warum das Modell gerade jetzt wächst

Dass ausgerechnet jetzt vermehrt über geteilte Führung gesprochen wird, hat mehrere Gründe. Der Fachkräftemangel reicht bis in die oberen Etagen; erfahrene Führungskräfte sind knapp und teuer. Zugleich hat die Pandemie das Arbeiten auf Distanz normalisiert, was es erleichtert, eine Leitungsfunktion nicht mehr an einen Schreibtisch im Haus zu binden. Und auf Seiten der Managerinnen und Manager gibt es eine wachsende Zahl, die nach Jahren im Konzern bewusst nicht mehr eine einzige Vollzeitrolle sucht, sondern ihre Expertise flexibel auf mehrere Mandate verteilen möchte.

Marktanalysen sprechen von deutlichem Wachstum. Nach Auswertungen spezialisierter Anbieter legt der Markt für anteilige Führungskräfte in Deutschland zweistellig pro Jahr zu, getragen vor allem von wachstumsstarken Technologiefirmen, dem industriellen Mittelstand und Unternehmen im Umbau. Solche Zahlen stammen überwiegend aus der Branche selbst und sind mit Vorsicht zu lesen – eine amtliche Statistik zur "Fractional"-Beschäftigung existiert nicht, weil der Begriff arbeitsrechtlich keine eigene Kategorie bildet. Die Richtung aber deckt sich mit dem, was Personalberater seit einiger Zeit beobachten.

Wo die Grenzen liegen

So flexibel das Modell klingt, es hat Tücken. Eine Führungskraft, die nur einen Tag pro Woche im Haus ist, muss delegieren können und ein Team vorfinden, das eigenständig arbeitet – wo beides fehlt, verpufft der Effekt. Auch die Bindung an das Unternehmen ist naturgemäß geringer als bei einer fest angestellten Leitung, was bei sensiblen Themen wie Kultur, Vertrauen und langfristiger Personalentwicklung zum Nachteil werden kann. Und wer mehrere Mandate parallel führt, muss Interessenkonflikte und Verschwiegenheit sauber trennen, gerade wenn Auftraggeber im selben Markt tätig sind.

Für den Mittelstand bleibt die anteilige Führung damit weniger ein Allheilmittel als ein weiteres Werkzeug im Werkzeugkasten der Personalarbeit – geeignet für klar umrissene strategische Aufgaben, weniger für den operativen Dauerbetrieb. Dass ein solches Mandat, wie im aktuellen Fall, auch in eine feste Mitgründerschaft münden kann, zeigt die andere Seite der Medaille: Manchmal ist der Chef auf Zeit der Anfang einer längeren Bindung.


Dieser Beitrag ordnet einen Branchentrend redaktionell ein und bezieht sich auf allgemein zugängliche Marktbeobachtungen. Er stellt keine Personal- oder Rechtsberatung dar.