Nachwuchs ja, aber tagsüber? Das doppelte Personalproblem der Freiwilligen Feuerwehr
Ein Feuerwehrpreis in Ostbayern schreibt gerade Projekte zur Mitgliedergewinnung aus. Dahinter steht eine Frage, die den Bevölkerungsschutz umtreibt: Die Jugendabteilungen wachsen – und trotzdem wird es an vielen Orten schwierig, tagsüber ein Löschfahrzeug zu besetzen.
Wenn eine regionale Bank einen Feuerwehrpreis auslobt, ist das für sich genommen eine Randnotiz. Der Ostbayerische Feuerwehrpreis, für den ab dem 1. August 2026 Bewerbungen möglich sind, verteilt nach Angaben des Ausrichters ein Gesamtpreisgeld von 10.000 Euro – ausgezeichnet werden sollen Projekte zur Mitgliedergewinnung und zum gesellschaftlichen Engagement der Wehren vor Ort. Genau diese Stoßrichtung verrät, wo im deutschen Feuerwehrwesen aktuell der Schuh drückt. Es geht längst nicht mehr nur darum, Brände zu löschen, sondern darum, überhaupt genug Menschen zu finden, die im Ernstfall ausrücken.
Die Basis ist größer, als viele denken
Zunächst die gute Nachricht: Von einem flächendeckenden Zusammenbruch kann keine Rede sein. In den Freiwilligen Feuerwehren Deutschlands waren nach Zahlen des Deutschen Feuerwehrverbandes zum Stichtag Ende 2023 rund 1,03 Millionen Menschen aktiv im Einsatzdienst. Damit tragen ehrenamtliche Kräfte den weitaus größten Teil des Brand- und Katastrophenschutzes – Berufsfeuerwehren gibt es nur in größeren Städten. Ohne dieses Ehrenamt wäre die flächendeckende Sicherheit, wie Deutschland sie kennt, schlicht nicht zu bezahlen.
Auch beim Nachwuchs sehen die Zahlen anders aus, als das verbreitete Krisengerede vermuten lässt. In der Deutschen Jugendfeuerwehr und den angeschlossenen Kindergruppen engagierten sich 2025 nach Verbandsangaben mehr als 380.000 Kinder und Jugendliche – ein erneuter Zuwachs. Bemerkenswert ist der steigende Mädchenanteil: Allein in den Jugendabteilungen waren zuletzt gut 86.000 Mädchen aktiv. Und der Übergang funktioniert: Rund 33.600 frühere Jugendfeuerwehr-Mitglieder wechselten 2025 in den aktiven Dienst der Einsatzabteilungen.
Das eigentliche Problem heißt Verfügbarkeit
Wer nur auf die Mitgliederzahl schaut, übersieht das Kernproblem. Eine Feuerwehr braucht nicht irgendwann Personal, sondern in dem Moment, in dem der Alarm eingeht – und der kommt statistisch am häufigsten werktags am Vormittag. Genau dann sind viele ehrenamtliche Kräfte an ihrem Arbeitsplatz, oft in einer anderen Gemeinde als der, in der sie Dienst tun. Fachleute sprechen von der „Tagesalarmsicherheit": Es nützt wenig, wenn eine Wehr sechzig Aktive auf der Liste hat, aber um zehn Uhr vormittags nur drei davon binnen weniger Minuten am Gerätehaus stehen können.
Verschärft wird das durch den Wandel der Arbeitswelt. Die Zeiten, in denen ein Großteil der Dorfbewohner auch im Ort arbeitete, sind vielerorts vorbei. Pendeln, längere Wege und flexiblere, aber ortsungebundene Tätigkeiten führen dazu, dass Menschen zwar Mitglied sein wollen, aber nicht immer verfügbar sind. Dazu kommt der demografische Druck: In schrumpfenden ländlichen Regionen wird der Pool, aus dem sich die Wehr speist, kleiner – ausgerechnet dort, wo es kaum Berufsfeuerwehren als Rückfallebene gibt.
Warum Preise und Kampagnen mehr sind als Symbolik
Vor diesem Hintergrund ergeben Auszeichnungen für Mitgliedergewinnung durchaus Sinn. Sie lenken Aufmerksamkeit und Geld auf Ideen, die sonst untergehen: Kooperationen mit Arbeitgebern, die ihre Beschäftigten für Einsätze freistellen; Werbung um Menschen mit Migrationsgeschichte, die in vielen Wehren noch unterrepräsentiert sind; oder niedrigschwellige Formate für Quereinsteiger, die keine jahrelange Jugendfeuerwehr-Laufbahn hinter sich haben. Auch die Bindung der jungen Aktiven ist entscheidend – denn gewonnen ist wenig, wenn der Nachwuchs nach ein paar Jahren wieder abspringt.
Ob ein einzelner Wettbewerb daran viel ändert, bleibt offen. Klar ist aber, worum es im Kern geht: nicht um ein Imageproblem, sondern um die nüchterne Frage, wer künftig tagsüber ausrückt, wenn irgendwo der Rauchmelder piept. Die Feuerwehren haben beim Nachwuchs mehr erreicht, als ihnen oft zugetraut wird. Die schwierigere Aufgabe – Menschen dann verfügbar zu haben, wenn es zählt – ist damit noch nicht gelöst.
Dieser Beitrag ordnet einen aktuellen Anlass redaktionell ein und beruht auf öffentlich zugänglichen Verbandsangaben. Er stellt keine Bewertung einzelner Organisationen oder Förderprojekte dar.