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Jahrzehntelang übersehen: Warum ADHS und Autismus bei Frauen so spät erkannt werden

Ein neues Fachbuch widmet sich ADHS und Autismus bei Frauen – und rührt an ein Thema, das die Forschung seit Jahren beschäftigt: Bei Mädchen und Frauen werden beide Diagnosen oft erst spät oder gar nicht gestellt. Woran das liegt, was sich langsam ändert und wo die Grenzen der Selbstdiagnose verlaufen.

Von Redaktion · · 4 Min. Lesezeit

Eine klinische Psychologin veröffentlicht ein Buch über ADHS und Autismus bei Frauen; der Titel spielt mit dem Bild vom „Kopfchaos mit System". Solche Veröffentlichungen häufen sich – und sie treffen einen Nerv. Denn hinter dem Ratgeber steht eine Beobachtung, die längst über einzelne Bücher hinausreicht: Bei Mädchen und Frauen werden Aufmerksamkeitsstörungen und Autismus-Spektrum-Störungen deutlich seltener und häufig erst spät diagnostiziert als bei Jungen und Männern. Für viele Betroffene bedeutet das Jahre der Unsicherheit, bevor sie überhaupt einen Namen für ihre Erfahrungen bekommen.

Ein messbares Ungleichgewicht

Dass hier ein Ungleichgewicht besteht, ist in der Fachwelt gut dokumentiert. ADHS wird bei Frauen im Durchschnitt mehrere Jahre später erkannt als bei Männern. Bei Autismus zeigt sich ein ähnliches Muster: Mädchen werden häufiger übersehen und erhalten ihre Diagnose oft erst im Erwachsenenalter – manchmal erst, wenn das eigene Kind untersucht wird und die Eltern sich in den Beschreibungen wiedererkennen.

Historisch wurden beide Störungsbilder vor allem an Jungen erforscht. Die klassischen Diagnosekriterien und viele Testverfahren orientieren sich bis heute an männlich geprägten Erscheinungsformen. Das hat Folgen bis in die Praxis der Ärzte und Therapeuten: Wer nach dem „typischen" Bild sucht, findet es bei Frauen seltener – nicht, weil die Erkrankung fehlt, sondern weil sie sich anders zeigt.

Warum die Symptome anders aussehen

Ein zentraler Grund liegt in der unterschiedlichen Ausprägung. Während bei Jungen die sichtbare Hyperaktivität dominiert – der Zappelphilipp, der im Unterricht auffällt –, äußert sich ADHS bei vielen Frauen eher nach innen: als innere Unruhe, Reizbarkeit, sprunghaftes Denken oder das Gefühl ständiger Überforderung. Die eher stille, verträumte Variante fällt im Klassenzimmer schlicht weniger auf als lautes Störverhalten.

Hinzu kommt ein Mechanismus, den Fachleute als „Masking" bezeichnen: das Überspielen und Kaschieren von Auffälligkeiten. Mädchen lernen häufig früh, sich anzupassen, soziale Regeln zu imitieren und ihre Schwierigkeiten zu verbergen. Nach außen funktioniert alles – der Preis dafür ist eine dauerhafte Anstrengung, die erschöpft und die eigentliche Ursache verdeckt. Genau diese Fähigkeit, unauffällig zu wirken, macht die Diagnose so schwer.

Die Gefahr der falschen Schublade

Wo die eigentliche Ursache übersehen wird, treten oft andere Etiketten an ihre Stelle. Frauen mit unerkanntem ADHS oder Autismus erhalten nicht selten zunächst Diagnosen wie Depression, Angststörung oder Burnout. Diese Begleiterscheinungen können real sein – doch als alleinige Erklärung greifen sie zu kurz, wenn die zugrunde liegende neurologische Besonderheit unbeachtet bleibt. Eine Behandlung, die am eigentlichen Kern vorbeigeht, bleibt entsprechend unvollständig.

Dass das Thema gerade jetzt an Sichtbarkeit gewinnt, hat auch mit sozialen Medien zu tun. In Foren und auf Plattformen tauschen sich Betroffene aus, erkennen sich in Schilderungen wieder und suchen gezielt nach Abklärung. Das hat Licht in einen lange blinden Fleck gebracht – birgt aber zugleich die Gefahr, dass alltägliche Konzentrationsprobleme oder Stimmungsschwankungen vorschnell als Störung gedeutet werden. Die Grenze zwischen berechtigtem Verdacht und Selbstetikettierung ist fließend.

Was das für Betroffene bedeutet

Eine späte Diagnose ist für viele zwiespältig: einerseits eine Erleichterung, endlich eine Erklärung zu haben, andererseits die Frage, was ein früheres Erkennen verändert hätte. Fachleute betonen, dass eine seriöse Abklärung in die Hände qualifizierter Ärztinnen, Psychologen oder spezialisierter Zentren gehört – nicht in die eines Online-Tests oder Ratgebers. Bücher und Erfahrungsberichte können einen ersten Anstoß geben und Betroffenen das Gefühl nehmen, allein zu sein. Die Diagnose selbst aber, mit all ihren Konsequenzen, ersetzen sie nicht.

Klar ist: Das wachsende Bewusstsein hat einen realen Nutzen. Je besser Ärzte, Lehrkräfte und Betroffene die weniger sichtbaren Erscheinungsformen kennen, desto eher lassen sich Fehldiagnosen und verlorene Jahre vermeiden. Der Weg dorthin führt weniger über ein einzelnes Buch als über eine Forschung und Versorgung, die endlich auch die zweite Hälfte der Bevölkerung mitdenkt.


Dieser Beitrag ordnet ein gesellschaftliches Thema redaktionell ein und ersetzt keine ärztliche oder psychologische Beratung. Bei einem konkreten Verdacht auf ADHS oder eine Autismus-Spektrum-Störung wenden Sie sich bitte an qualifizierte Fachleute.