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Raus aus dem Becken: Warum das Schwimmen im offenen Wasser zum Massenphänomen wird

Ein traditionsreiches Freiwasserschwimmen an der Müritz meldet für seine 57. Auflage tausend Starterbeutel. Dahinter steht ein Trend, der weit über einzelne Veranstaltungen hinausreicht: Immer mehr Menschen zieht es aus dem gefliesten Becken hinaus in Seen und Flüsse – mit eigenem Reiz und eigenen Risiken.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Vom Nischensport zum sommerlichen Breitensport

Freiwasserschwimmen, also das Schwimmen in Seen, Flüssen oder im Meer, galt lange als Sache einiger weniger Ausdauersportler. Das hat sich verschoben. Klassische Volksschwimmen wie die traditionsreiche Durchquerung der Müritz, die in diesem Jahr in ihre 57. Auflage geht, ziehen inzwischen große Starterfelder an, und parallel dazu ist eine breite Freizeitszene entstanden. Sie reicht von Triathletinnen und Triathleten, die im See trainieren, über organisierte Gruppen bis zu Menschen, die vor der Arbeit einfach ein paar Bahnen im Baggersee ziehen.

Der Reiz ist schnell erklärt: kühles Wasser an heißen Tagen, das Gefühl von Weite ohne Beckenrand und Bahnbegrenzung, dazu ein Naturerlebnis, das ein Hallenbad nicht bieten kann. Hinzu kommt, dass viele Städte und Vereine in den vergangenen Jahren wieder verstärkt auf Naturbadestellen und begleitete Schwimmangebote setzen. Auch das ganzjährige Baden im kalten Wasser, oft als Eis- oder Winterschwimmen bezeichnet, hat sichtbar Zulauf bekommen und wird in sozialen Netzwerken rege geteilt.

Warum das offene Wasser anders ist

So attraktiv der Sprung in den See ist – das offene Gewässer folgt eigenen Regeln. Anders als im überwachten Becken gibt es keine gleichmäßige Temperatur, keine sichtbare Beckenwand und meist keine Bademeisterin in Rufweite. Wassertemperaturen können in der Tiefe abrupt abfallen, Strömungen in Flüssen sind von außen kaum einzuschätzen, und die eigene Kraft wird über weite Distanzen leicht überschätzt. Wer aus dem Becken kommt, unterschätzt zudem oft, wie anders sich das Schwimmen ohne festen Orientierungspunkt anfühlt.

Wie ernst diese Unterschiede sind, zeigt die Statistik der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Nach ihrer Bilanz ertranken 2025 in Deutschland mindestens 393 Menschen – etwas weniger als im Vorjahr, aber weiterhin eine hohe Zahl. Rund 88 Prozent der tödlichen Unfälle ereigneten sich laut DLRG in Binnengewässern, also in Seen und Flüssen, nicht in beaufsichtigten Bädern. Als wiederkehrende Ursachen nennt die Organisation mangelnde Schwimmfähigkeit, Selbstüberschätzung, Alkohol und ungesicherte Badestellen. Besonders unfallträchtig ist demnach der Sommerbeginn, wenn viele Menschen bei erster Hitze ins noch kühle Wasser gehen.

Was die Rettungsdienste im Hintergrund leisten

Dass die Zahlen nicht höher ausfallen, hängt auch an einer weitgehend ehrenamtlichen Infrastruktur. Nach Angaben der DLRG waren in der Badesaison von Anfang Mai bis Ende September mehr als 6.000 freiwillige Rettungsschwimmerinnen und Rettungsschwimmer im Einsatz und sicherten über 2.000 Gewässer und Bäder ab. Diese Wachen stehen allerdings nur an einem kleinen Teil der Badestellen – ein Großteil des Freiwasserschwimmens findet ohne jede Aufsicht statt.

Genau darin liegt die Kehrseite des Booms: Die Begeisterung fürs offene Wasser wächst schneller als das Wissen um seine Tücken. Fachleute raten deshalb zu einfachen Grundregeln – Gewässer und eigene Kondition realistisch einschätzen, nach Möglichkeit nicht allein und nicht bei aufziehendem Gewitter schwimmen, sich langsam abkühlen statt erhitzt hineinzuspringen, auffällige Schwimmbojen zur Sichtbarkeit nutzen und Alkohol vor dem Baden meiden. Organisierte Volksschwimmen mit Begleitbooten und Streckenposten bieten hier einen deutlich sichereren Rahmen als der spontane Sprung in den unbekannten See.

Der Trend zum Naturwasser dürfte damit nicht so schnell abebben – dafür ist der Reiz zu groß und der Zugang zu einfach. Wer ihn genießen will, ist gut beraten, das offene Wasser mit Respekt zu behandeln. Denn der Unterschied zum Hallenbad beginnt nicht erst in der Tiefe, sondern schon beim ersten Schritt ins Ungewisse.


Dieser Beitrag ordnet einen aktuellen Trend redaktionell ein und ersetzt keine individuelle Sicherheits- oder Gesundheitsberatung. Wer unsicher ist, sollte auf beaufsichtigte Badestellen ausweichen und im Zweifel ärztlichen oder fachkundigen Rat einholen.