Digitales

Das Konto liest mit: Wie die digitale Kontoprüfung die Kreditvergabe verändert

Statt Gehaltszettel und Kontoauszügen aus dem Drucker tritt bei immer mehr Krediten der digitale Blick ins Girokonto. Was hinter dem sogenannten Kontoblick steckt – und warum die Bequemlichkeit ihren Preis in Sachen Datenschutz hat.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Wer früher einen Kredit beantragte, kannte die Prozedur: Gehaltsabrechnungen der letzten Monate kopieren, Kontoauszüge ausdrucken, alles per Post oder in der Filiale einreichen. Ein Kreditvermittler hat kürzlich angekündigt, seinen digitalen Kontoblick nun auch für Anfragen mit zwei Kreditnehmern anzubieten – ein kleiner Schritt, der stellvertretend für eine größere Verschiebung steht. Die Prüfung der finanziellen Verhältnisse wandert vom Papier in eine automatisierte Datenabfrage.

Was der Kontoblick eigentlich ist

Hinter dem Werbebegriff steckt ein regulierter Dienst: der Kontoinformationsdienst, im Fachjargon auch Account Information Service. Er erlaubt es, mit ausdrücklicher Zustimmung der Kundin oder des Kunden die Umsätze eines Girokontos digital auszulesen und auszuwerten. Rechtliche Grundlage ist die zweite europäische Zahlungsdiensterichtlinie, kurz PSD2, die seit Januar 2018 in deutsches Recht umgesetzt ist. Sie verpflichtet Banken, für solche Dienste eine geschützte Schnittstelle zu öffnen – und macht damit möglich, was zuvor allein den Geldinstituten vorbehalten war.

Für die Kreditvergabe ist das attraktiv, weil sich Einnahmen und Ausgaben eines Antragstellers direkt aus den Kontobewegungen ablesen lassen. Regelmäßige Gehaltseingänge, laufende Mieten, bestehende Ratenzahlungen: All das wird sichtbar, ohne dass Dokumente manuell zusammengesucht werden müssen. Anbieter verweisen darauf, dass sich die Bearbeitung dadurch beschleunige und Zusagen schneller erfolgen könnten. Solche Angaben stammen allerdings meist von den Diensten selbst und lassen sich von außen kaum überprüfen.

Nicht nur beim Kredit

Die digitale Kontoprüfung ist längst nicht auf klassische Darlehen beschränkt. Auch bei der Wohnungssuche kommt sie zum Einsatz: Manche Dienstleister prüfen im Auftrag von Vermietern das Girokonto von Mietinteressenten und leiten daraus eine Einschätzung der Zahlungsfähigkeit ab. Ein gesonderter Einkommensnachweis oder eine Auskunftei-Auskunft kann dann entfallen. Das zeigt, wie weit der Blick ins Konto als Instrument der Bonitätsprüfung inzwischen reicht – und wirft zugleich die Frage auf, wie viel Einblick in die eigenen Finanzen man Dritten gewähren möchte.

Der Preis der Bequemlichkeit

Denn das Kontoauszugsdokument zeigt weit mehr als das nackte Einkommen. Aus Umsätzen lassen sich Konsumgewohnheiten, Mitgliedschaften, Spenden, Gesundheitsausgaben oder auch heikle Zahlungen ablesen. Datenschützer weisen darauf hin, dass hier ein Zweckbindungsproblem lauert: Wer sein Konto zur Kreditprüfung freigibt, will damit seine Bonität belegen – nicht sein gesamtes Ausgabeverhalten offenlegen. Seriöse Dienste müssen die Daten deshalb auf den vereinbarten Zweck beschränken und dürfen sie nicht für andere Auswertungen weiterverwenden.

Zur Absicherung dient der regulatorische Rahmen. Kontoinformationsdienste müssen bei der Finanzaufsicht BaFin registriert sein und je nach Tätigkeit eine Erlaubnis vorweisen. Der Zugriff auf das Konto ist nur mit ausdrücklicher Einwilligung möglich, und diese lässt sich widerrufen. Verbraucherschützer raten dennoch, genau hinzusehen: Welcher Anbieter greift zu, für welchen Zweck, wie lange werden die Daten gespeichert, und ist der Dienst tatsächlich zugelassen? Die Zustimmung mit einem Klick ist schnell erteilt – ihre Tragweite erschließt sich oft erst auf den zweiten Blick.

Eine Entwicklung mit offenem Ausgang

Der Trend zur digitalen Kontoprüfung dürfte anhalten, weil er für Anbieter Prozesse verschlankt und für Kunden Wege verkürzt. Ob er sich flächendeckend durchsetzt, hängt auch davon ab, wie viel Vertrauen die Menschen in die Verarbeitung ihrer sensibelsten Finanzdaten setzen. Zwischen echtem Komfortgewinn und einem sorglosen Umgang mit privaten Informationen verläuft dabei ein schmaler Grat – und über ihn entscheidet am Ende jede Einwilligung neu.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines Branchentrends und ersetzt keine individuelle Rechts-, Finanz- oder Steuerberatung.