News

Vom Tabu zum Portfolio: Wie Rüstungsaktien in nachhaltige Fonds einziehen

Fonds mit dem Etikett „nachhaltig" ließen Waffenhersteller lange außen vor. Seit der Zeitenwende ändert sich das – leise, aber messbar. Wie aus einem festen Ausschlusskriterium ein Streitfall wurde.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Ein Ausschluss, der bröckelt

Über Jahre galt eine einfache Regel: Wer sein Geld „nachhaltig" anlegen wollte, ließ Rüstungskonzerne außen vor. Waffen standen in vielen Fonds neben Tabak, Kohle und Glücksspiel auf der schwarzen Liste. Doch dieses Selbstverständnis ist ins Rutschen geraten. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 und der politisch ausgerufenen „Zeitenwende" hat sich die Stimmung in der Branche gedreht – und mit ihr die Zusammensetzung mancher Portfolios.

Die Zahlen sind noch klein, aber die Richtung ist eindeutig. Nach einer Auswertung, über die mehrere Finanzmedien berichteten, stieg der Anteil von Luftfahrt- und Verteidigungswerten in aktiv gemanagten Fonds der Kategorie „Artikel 8" von rund 0,8 Prozent Ende 2024 auf etwa 1,3 Prozent zur Jahresmitte 2025. Bei Fonds mit Schwerpunkt auf deutschen Aktien lag der Anteil demnach sogar bei rund 4,6 Prozent.

Wie aus dem Tabu Spielraum wurde

Möglich wurde die Öffnung auch durch eine regulatorische Weichenstellung. Die europäische Wertpapieraufsicht ESMA veröffentlichte 2024 Leitlinien für Fondsnamen: Produkte, die Begriffe wie „nachhaltig" oder „ESG" im Titel tragen, dürfen demnach einen Teil ihres Kapitals ohne die strengsten Nachhaltigkeitsauflagen investieren. Tabu bleiben international geächtete Waffen wie Streumunition sowie biologische und chemische Kampfmittel; klassische Verteidigungsgüter fallen dagegen nicht mehr automatisch heraus.

Große Anbieter haben diesen Spielraum genutzt. Mehrere Fondsgesellschaften passten laut Branchenberichten ihre Regelwerke an, um Verteidigungsunternehmen unter bestimmten Bedingungen zulassen zu können. Zur Begründung nennen Anbieter meist zwei Motive: die veränderte sicherheitspolitische Lage – Verteidigungsfähigkeit sei Teil einer stabilen Gesellschaft – und schlicht die Rendite. Rüstungsaktien haben seit 2022 stark zugelegt; wer sie ausschließt, riskiert, hinter den Vergleichsindizes zurückzubleiben.

Nachhaltigkeit oder Etikettenschwindel?

Genau hier verläuft die Bruchlinie. Kritiker, darunter Verbraucher- und Nachhaltigkeitsinitiativen, sehen in der Entwicklung einen Wortbruch. Ein Fonds, der Verantwortung verspreche und zugleich in Waffenexporteure investiere, verwässere den Begriff der Nachhaltigkeit bis zur Beliebigkeit – im Fachjargon: Greenwashing. Befürworter halten dagegen, dass Sicherheit und Verteidigung durchaus zu einer breiter verstandenen Nachhaltigkeit passen könnten, solange geächtete Waffen ausgeschlossen bleiben.

Für Anlegerinnen und Anleger bedeutet das vor allem eines: Das Etikett „ESG" oder „nachhaltig" allein sagt heute weniger aus als früher. Wer bestimmte Branchen bewusst meiden möchte, kommt nicht umhin, in die Anlagebedingungen und Ausschlusslisten des jeweiligen Fonds zu schauen. Zwei Produkte mit demselben Nachhaltigkeitslabel können inzwischen sehr unterschiedliche Dinge im Depot haben.

Ein Streit, der weitergeht

Entschieden ist die Debatte damit nicht; sie verschiebt sich nur auf die nächste Ebene. Wer definiert, was „nachhaltig" heißt – der Gesetzgeber, die Aufsicht, die Fondsanbieter oder am Ende die Kundschaft selbst? Solange es darauf keine einheitliche Antwort gibt, bleibt die Einordnung eines einzelnen Fonds eine Frage der Perspektive. Klar ist nur, dass die frühere Gewissheit, „nachhaltig" schließe Rüstung automatisch aus, so nicht mehr gilt.


Dieser Beitrag ordnet einen aktuellen Branchentrend redaktionell ein und stellt keine Anlage- oder Finanzberatung dar. Genannte Zahlen beruhen auf öffentlich zugänglichen Auswertungen und Medienberichten und können sich ändern.