Zeckensaison und die Frage nach den Zahlen: Warum sich Borreliose so schwer beziffern lässt
Meldungen über steigende Borreliose-Fälle machen in der Zeckensaison regelmäßig die Runde. Ein Blick auf die Datenlage zeigt: Wie viele Menschen sich wirklich infizieren, lässt sich in Deutschland gar nicht bundesweit sagen – und genau das macht die Interpretation solcher Zahlen heikel.
In der warmen Jahreszeit häufen sich Mitteilungen, wonach die Zahl der Borreliose-Erkrankungen deutlich zunehme. Auch aktuell verweist ein Verband auf einen erheblichen Anstieg, vor allem in einzelnen Bundesländern wie Brandenburg und Schleswig-Holstein. Solche Zahlen klingen alarmierend – doch sie lassen sich nur einordnen, wenn man versteht, wie lückenhaft die Datengrundlage bei dieser Krankheit tatsächlich ist.
Eine Krankheit ohne bundesweite Meldepflicht
Die Lyme-Borreliose ist die häufigste von Zecken übertragene Infektionskrankheit in Deutschland. Trotzdem gibt es für sie keine einheitliche, bundesweite Meldepflicht. Erfasst wird sie nur in einem Teil der Bundesländer – überwiegend in den ostdeutschen Ländern sowie in einzelnen weiteren Regionen. In großen Teilen Deutschlands taucht eine Borreliose-Diagnose in keiner amtlichen Statistik auf.
Das hat eine unmittelbare Folge: Wer bundesweite Aussagen über „die" Borreliose-Zahlen trifft, stützt sich auf ein unvollständiges Bild. Schon deshalb ist bei pauschalen Anstiegs-Meldungen Vorsicht geboten. Sie können auf eine tatsächliche Zunahme hindeuten – oder auf verändertes Meldeverhalten, mehr Tests, ein gestiegenes Bewusstsein oder schlicht auf regionale Schwankungen.
Was die verfügbaren Daten zeigen
Ein Blick auf die Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) mahnt zur Zurückhaltung. Für die meldepflichtigen Länder waren bis Mitte April 2025 rund 918 Borreliose-Fälle übermittelt worden. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es etwa 951 – die Zahlen lagen zu diesem Zeitpunkt also eher etwas niedriger als ein Jahr zuvor, nicht höher. Die meisten gemeldeten Fälle entfielen dabei auf Bayern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg.
Das widerspricht nicht zwangsläufig einzelnen regionalen Beobachtungen, relativiert aber die These vom flächendeckenden, starken Anstieg. Borreliose-Zahlen schwanken von Jahr zu Jahr und hängen stark vom Wetter ab: Milde Winter und feuchtwarme Frühjahre verlängern die Zeckensaison und erhöhen die Zahl der Kontakte. Ein einzelnes Jahr taugt daher kaum als Beleg für einen langfristigen Trend.
Worauf es im Alltag ankommt
Für den Einzelnen ist die statistische Debatte letztlich zweitrangig. Wichtiger ist der praktische Schutz, und der ist unabhängig von der genauen Fallzahl sinnvoll. Fachleute raten dazu, sich nach Aufenthalten in Wiesen, Wäldern und hohem Gras gründlich nach Zecken abzusuchen, geschlossene Kleidung zu tragen und eine festsitzende Zecke möglichst rasch und vollständig zu entfernen. Ein wandernder, ringförmiger Hautausschlag um die Einstichstelle – die sogenannte Wanderröte – gilt als typisches Frühzeichen und ist ein Grund, ärztlichen Rat zu suchen.
Anders als bei der ebenfalls von Zecken übertragenen Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) gibt es gegen Borreliose keine Impfung; eine frühzeitig erkannte Infektion ist jedoch in der Regel mit Antibiotika gut behandelbar. Für Fragen zu Diagnose und Therapie ist stets die ärztliche Beratung maßgeblich.
Bleibt als Einordnung: Alarmierende Anstiegs-Meldungen zur Borreliose sollte man mit Blick auf die Datenlage einordnen. Dass Zeckenschutz in der warmen Jahreszeit wichtig ist, steht unabhängig davon außer Frage – die genaue Zahl der Erkrankten aber kennt in Deutschland niemand.
Dieser Beitrag ist eine allgemeine, redaktionelle Einordnung und ersetzt keine medizinische oder gesundheitliche Beratung. Bei Verdacht auf eine Infektion wenden Sie sich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt.