Mehr gemeldete Borreliose-Fälle: Warum die Zahlen nur einen Teil des Landes zeigen
Auswertungen berichten für 2025 von deutlich mehr Borreliose-Diagnosen. Der Anstieg ist real – doch wo er auftaucht, hängt vor allem davon ab, wo überhaupt gezählt wird. Ein Blick auf eine Statistik mit großen blinden Flecken.
Ein Anstieg, den nur ein Teil des Landes überhaupt zählt
Jeden Sommer sorgen Meldungen über steigende Borreliose-Zahlen für Schlagzeilen, und auch für das Jahr 2025 berichten Auswertungen von einem deutlichen Zuwachs. In den Bundesländern, die überhaupt eine Meldepflicht kennen, registrierte das Robert-Koch-Institut spürbar mehr Diagnosen als im Vorjahr – nach den vorliegenden Zahlen ein Anstieg in der Größenordnung von rund der Hälfte. Besonders häufig genannt werden Regionen wie Brandenburg und Schleswig-Holstein. Bevor man daraus aber eine bundesweite Zecken-Welle ableitet, lohnt ein Blick darauf, wie solche Zahlen überhaupt zustande kommen.
Denn eine einheitliche, bundesweite Meldepflicht für die Lyme-Borreliose gibt es in Deutschland nicht. Nur eine Minderheit der Bundesländer – überwiegend im Osten – verpflichtet Ärztinnen und Ärzte, festgestellte Fälle an die Gesundheitsbehörden zu melden. In weiten Teilen des Westens und Südens taucht die Erkrankung in der amtlichen Statistik gar nicht systematisch auf. Ein vermeintlicher „Spitzenreiter" ist damit oft weniger ein Brennpunkt der Krankheit als schlicht ein Ort, an dem besonders genau gezählt wird. Vergleiche zwischen Regionen sagen deshalb mehr über die Meldewege aus als über das tatsächliche Risiko vor Ort.
Die Lücke zwischen gemeldet und behandelt
Wie groß dieser blinde Fleck ist, zeigt ein Blick auf die unterschiedlichen Datenquellen. Zwischen den Fällen, die das RKI aus den Meldeländern erfasst, und den Diagnosen, die Kassenärzte tatsächlich abrechnen, klafft seit Jahren eine erhebliche Differenz. In Bayern etwa stehen einige Tausend gemeldete Fälle einer weit höheren Zahl abgerechneter Behandlungen gegenüber – ein Vielfaches. Bundesweit geht das Robert-Koch-Institut von schätzungsweise 60.000 bis 100.000 Neuerkrankungen pro Jahr aus. Die gemeldeten Zahlen bilden also nur einen Ausschnitt ab, und schon deshalb ist bei jeder Prozentangabe Vorsicht geboten: Ein Zuwachs kann eine echte Zunahme sein, aber auch das Ergebnis von mehr Aufmerksamkeit, mehr Arztbesuchen oder einer aktiveren Zeckensaison.
Dass Zecken hierzulande aktiv bleiben, ist unstrittig. Der Gemeine Holzbock ist die häufigste heimische Schildzecke und überträgt sowohl Lyme-Borrelien als auch das FSME-Virus. Milde Winter und lange warme Perioden verlängern die Zeit, in der die Tiere aktiv sind – ein Faktor, der die Zahlen über die Jahre tendenziell nach oben treiben dürfte.
Warum die Diagnose so schwierig bleibt
Anders als bei vielen anderen Infektionen lässt sich eine Borreliose nicht einfach per Bluttest beweisen. Antikörper zeigen nur an, dass das Immunsystem irgendwann einmal Kontakt mit dem Erreger hatte – nicht, ob aktuell eine Erkrankung vorliegt. Das wichtigste Warnzeichen bleibt deshalb ein klinisches: die sogenannte Wanderröte, ein sich langsam ausbreitender roter Fleck um die Einstichstelle, der Tage nach dem Stich auftreten kann. Sie ist ein deutlicher Hinweis, fehlt aber nicht in jedem Fall. Diese diagnostische Unschärfe ist einer der Gründe, warum die Krankheit so schwer in Zahlen zu fassen ist.
Was tatsächlich vor der Erkrankung schützt
Beim Schutz kursieren viele Missverständnisse. Wichtig zu wissen: Die verbreitete Zecken-Impfung schützt vor FSME, einer Viruserkrankung – gegen die bakterielle Borreliose gibt es bislang keinen zugelassenen Impfstoff. Auch eine vorsorgliche Antibiotikagabe nach jedem Zeckenstich wird von Fachleuten ausdrücklich nicht empfohlen. Was bleibt, sind die schlichten, aber wirksamen Maßnahmen: geschlossene Kleidung und Zeckenschutzmittel in Wiesen und Wäldern, das gründliche Absuchen des Körpers nach dem Aufenthalt im Freien und das rasche, vollständige Entfernen einer Zecke mit einer Pinzette oder Zeckenkarte. Je früher das Tier entfernt wird, desto geringer ist das Übertragungsrisiko. Wer nach einem Stich eine Rötung, Fieber oder grippeähnliche Beschwerden bemerkt, sollte ärztlichen Rat suchen.
Dieser Beitrag ordnet ein aktuelles Saison- und Branchenthema redaktionell ein. Er ersetzt keine ärztliche Beratung und stellt keine Gesundheitsberatung dar. Bei Verdacht auf eine Borreliose oder anderen gesundheitlichen Fragen wenden Sie sich bitte an eine Ärztin oder einen Arzt.