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Zehn Meter genau: Warum Europas Feuchtgebiete jetzt vermessen sind

Moore, Auen und Salzwiesen galten lange als weiße Flecken auf der Landkarte des Klimaschutzes. Eine neue europaweite Kartierung zeigt nun in bislang unerreichter Auflösung, wo diese Flächen liegen, in welchem Zustand sie sind – und wo eine Wiederherstellung am meisten bringen würde.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Es gehört zu den Eigenheiten des Naturschutzes, dass ausgerechnet die wirksamsten Flächen oft die unauffälligsten sind. Ein Moor sieht aus wie nasse Wiese, eine Aue wie ein etwas unordentlicher Flussrand. Dass in diesen Böden über Jahrtausende gewaltige Mengen Kohlenstoff eingelagert wurden, sieht man ihnen nicht an – und genau das war lange ein Problem für die Politik: Man kann schwer schützen, was man nicht genau verortet hat.

Ein Kontinent in zehn Metern Auflösung

Diese Lücke schließt nun eine internationale Forschungsarbeit, an der unter anderem der Sonderforschungsbereich WETSCAPES2.0, die Universität Greifswald und das Greifswald Moor Centrum beteiligt waren. Das Ergebnis ist eine hochauflösende Karte der natürlichen und naturnahen Feuchtgebiete Europas, erstellt unter Einsatz maschineller Lernverfahren und veröffentlicht, so die Mitteilung der beteiligten Einrichtungen, in der Fachzeitschrift Nature.

Erfasst wurden sechs Haupttypen – darunter Binnenmarschen, Regenmoore, Salzwiesen, Salinen, Wattflächen sowie Moor- und Heidelandschaften – über 38 europäische Länder hinweg, und das mit einer räumlichen Auflösung von zehn Metern. Zum Vergleich: Frühere kontinentale Übersichten arbeiteten häufig mit Rasterweiten, in denen ein einzelnes Moor schlicht verschwand.

Die Karte zeigt dabei nicht nur, wo Feuchtgebiete liegen, sondern auch, in welchem Zustand sie sich befinden und wo das Potenzial für eine Wiederherstellung am größten ist. Das ist der eigentliche Unterschied zu einer reinen Bestandsaufnahme: Aus der Fläche wird eine Prioritätenliste.

Warum Moore herausstechen

Über alle Typen hinweg deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Moore die klimatisch bedeutsamste Kategorie sind. Der Grund liegt in ihrer Doppelnatur. Intakt und nass sind sie außerordentlich wirksame Kohlenstoffspeicher, weil abgestorbenes Pflanzenmaterial im sauerstoffarmen Wasser nicht vollständig zersetzt wird, sondern sich über Jahrhunderte als Torf ansammelt.

Entwässert man sie – historisch meist für Landwirtschaft, Torfabbau oder Siedlungsbau –, kehrt sich der Effekt um. Sauerstoff dringt in den Torf ein, die Zersetzung setzt ein, und aus dem Speicher wird eine Quelle. Deutschland kennt diesen Mechanismus gut: Entwässerte Moorböden zählen hierzulande zu den relevanten Emissionsquellen außerhalb von Verkehr und Industrie, obwohl sie nur einen kleinen Teil der Landesfläche ausmachen.

Von der Karte zur nassen Fläche

Dass die Wiedervernässung beschleunigt werden müsse, fordern Umweltverbände seit Jahren; die Deutsche Bundesstiftung Umwelt hat dazu zuletzt einen eigenen Leitfaden vorgelegt. In der Praxis stößt der Ansatz jedoch auf Hürden, die mit Kartografie wenig zu tun haben.

Feuchtgebiete liegen selten in einer Hand. Wer den Wasserstand anhebt, verändert die Bedingungen für angrenzende Grundstücke, für Wege und für die landwirtschaftliche Nutzung. Nasse Flächen lassen sich nicht mit herkömmlichen Maschinen bewirtschaften – hier setzt die Diskussion um Paludikultur an, also den Anbau von Pflanzen wie Schilf oder Rohrkolben auf wiedervernässten Böden. Die Verfahren existieren, doch Absatzmärkte, Fördersystematik und Betriebswirtschaft sind vielerorts noch nicht so weit wie die Ökologie.

Hinzu kommt, dass eine Wiedervernässung ihre Klimawirkung nicht sofort entfaltet. Kurzfristig können in nassen Böden auch Methanemissionen ansteigen; die Bilanz fällt über längere Zeiträume positiv aus, verlangt aber Geduld – eine Eigenschaft, die politischen Legislaturperioden selten entspricht.

Was eine Karte leisten kann – und was nicht

Eine Kartierung ersetzt weder Flächenankauf noch Verhandlungen mit Eigentümern noch die Frage, wer die Umstellung bezahlt. Was sie leistet, ist Vergleichbarkeit: Wo bislang jede Region ihre eigenen Daten in eigener Systematik führte, gibt es nun eine gemeinsame Grundlage, auf die sich Förderentscheidungen und europäische Renaturierungsziele beziehen lassen.

Man sollte den Befund deshalb nüchtern lesen. Die Karte macht keinen Quadratmeter nasser. Sie verhindert aber, dass Schutzbemühungen dort landen, wo sie am wenigsten wirken – und das ist bei begrenzten Mitteln schon einiges wert.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung des Forschungs- und Diskussionsstands, keine Fachberatung zu Flächennutzung oder Förderrecht.