Die blinden Flecken der Forschung: Warum invasive Arten den Globalen Süden härter treffen
Eine neue Studie im Fachjournal „Science" zeigt: Eingeschleppte Tiere und Pflanzen richten im Globalen Süden deutlich größere Schäden an als bislang angenommen. Dass das lange übersehen wurde, liegt auch an der Wissenschaft selbst.
Eingeschleppte Arten gehören zu den größten Treibern des weltweiten Artensterbens. Ratten auf Inseln, aggressive Pflanzen in Flussauen, Insekten, die ganze Ernten vernichten: Wenn ein Organismus in einen Lebensraum gerät, in dem er nicht heimisch ist und keine natürlichen Feinde hat, kann er dort ökologische und wirtschaftliche Schäden anrichten. Wo diese Schäden am größten sind, schien lange klar zu sein – die meisten dokumentierten Fälle stammten aus Nordamerika und Europa. Eine im Fachjournal „Science" veröffentlichte Untersuchung stellt dieses Bild nun infrage.
Ein Fehler im Blick der Forschung
Der Grund für die vermeintliche Häufung im Globalen Norden liegt der Studie zufolge nicht in der Natur, sondern in der Forschung selbst. Fachleute sprechen von einem „Research Bias", einer systematischen Verzerrung: Weil in wohlhabenden Ländern des Nordens ungleich mehr geforscht, gemessen und veröffentlicht wird, tauchen dort auch die meisten Schadensmeldungen auf. In vielen Regionen des Globalen Südens fehlen dagegen die Mittel, um invasive Arten überhaupt systematisch zu erfassen. Was nicht untersucht wird, erscheint in keiner Statistik – und wirkt dadurch, als gäbe es das Problem nicht.
Die Autorinnen und Autoren korrigierten diesen Verzerrungseffekt und kamen zu einem deutlich anderen Ergebnis. Betrachtet man Arten, die sowohl im Norden als auch im Süden vorkommen, so fallen ihre Folgen in Ländern des Globalen Südens rund 50 Prozent schwerer aus als im Norden. Die Bedrohung ist also nicht dort am größten, wo bisher am lautesten darüber berichtet wurde.
Warum der Süden anfälliger ist
Für die höhere Verwundbarkeit machen die Forschenden mehrere Ursachen aus. Intensiver internationaler Handel schleppt immer neue Arten ein, oft über Häfen und Warenströme, die in den vergangenen Jahrzehnten stark gewachsen sind. Rasches Wirtschaftswachstum verändert Landschaften und schafft neue Einfallstore. Und schließlich fehlt vielerorts die Kapazität, um biologische Invasionen früh zu erkennen und einzudämmen – es mangelt an Personal, an Geld und an etablierten Kontrollsystemen.
Besonders bitter ist die Verbindung dieser Faktoren: Gerade Länder, die ohnehin unter angespannten wirtschaftlichen Bedingungen stehen und stark von Landwirtschaft und intakten Ökosystemen abhängen, tragen die schwersten Lasten. Wo eine invasive Art eine Ernte bedroht oder eine Fischerei zusammenbrechen lässt, geht es nicht nur um Naturschutz, sondern um Lebensgrundlagen.
Was daraus folgt
Die Studie ist mehr als eine akademische Korrektur. Sie legt nahe, dass die internationalen Anstrengungen gegen invasive Arten bisher am tatsächlichen Bedarf vorbeigingen – weil sie sich an Daten orientierten, die die am stärksten betroffenen Weltregionen kaum abbildeten. Wer Prioritäten für Frühwarnsysteme, Grenzkontrollen oder Bekämpfungsprogramme setzt, läuft Gefahr, das Geld dort zu investieren, wo am meisten geforscht wurde, statt dort, wo der Schaden am größten ist.
Zugleich zeigt der Fall exemplarisch, wie sehr wissenschaftliche Erkenntnis von den Bedingungen abhängt, unter denen sie entsteht. Ein globales Problem lässt sich nur global verstehen, wenn auch überall gemessen wird. Die Lücke zu schließen, die der Research Bias offengelegt hat, dürfte selbst zu einer der wichtigeren Aufgaben des Natur- und Artenschutzes werden.
Dieser Beitrag ordnet aktuelle Forschungsergebnisse redaktionell ein. Er beruht auf einer in „Science" veröffentlichten Studie und gibt deren zentrale Aussagen in eigenen Worten wieder.