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Wo geforscht wird, wo der Schaden entsteht: Warum invasive Arten den Globalen Süden härter treffen

Eine neue Auswertung dreht ein vertrautes Bild um: Nicht dort, wo die meisten eingeschleppten Arten dokumentiert sind, richten sie den größten Schaden an. Der Befund verweist auf eine blinde Stelle der Umweltforschung.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Eingeschleppte Tiere, Pflanzen und Mikroorganismen gelten als einer der wichtigsten Treiber des weltweiten Artensterbens. Weniger klar als gedacht ist offenbar, wo sie den größten Schaden anrichten. Eine aktuell in einem führenden Fachjournal veröffentlichte Auswertung kommt zu dem Schluss, dass die Folgen invasiver Arten im Globalen Süden im Durchschnitt schwerwiegender ausfallen als im wohlhabenden Norden – und das, obwohl von dort deutlich weniger Fälle gemeldet werden.

Mehr Meldungen bedeuten nicht mehr Schaden

Bislang stützten sich globale Einschätzungen zur geografischen Verteilung der Schäden vor allem auf eine simple Kennzahl: die Zahl der nachgewiesenen gebietsfremden Arten. Danach schienen die reichen Industriestaaten am stärksten betroffen. Der Haken an dieser Rechnung ist, dass Forschung Geld und Personal voraussetzt – und beides ist im Norden reichlicher vorhanden. Wo mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zählen und kartieren, werden schlicht mehr Arten entdeckt. Fachleute sprechen von einer Forschungsverzerrung, einem „Research Bias“: Die Landkarte der Funde bildet nicht ab, wo die Natur am meisten leidet, sondern wo am intensivsten hingeschaut wird.

Um diese Schieflage zu umgehen, griffen die Autorinnen und Autoren nicht auf reine Artenzahlen zurück, sondern auf eine Datenbank mit vereinheitlichten Messgrößen für die tatsächliche Wirkung invasiver Arten. Das Ergebnis fiel deutlich aus: Die durchschnittliche Schwere der Schäden pro Land war im Globalen Süden höher – trotz mehr als doppelt so vieler dokumentierter Meldungen im Norden. Besonders betroffen sind den Angaben zufolge kleinere Staaten, aber auch große, wirtschaftlich aufstrebende Länder.

Warum der Süden verwundbarer ist

Als treibende Faktoren nennt die Studie vor allem die staatliche Handlungsfähigkeit. Wo Verwaltung, Kontrolle und Frühwarnsysteme schwächer ausgeprägt sind, lassen sich Einschleppungen schlechter verhindern und einmal etablierte Arten kaum noch zurückdrängen. Gerade Volkswirtschaften mit raschem Wachstum, aber lückenhafter Steuerung geraten so unter Druck: Reger Handel und Verkehr öffnen neue Einfallstore für fremde Arten, während die Mittel zur Gegenwehr fehlen. Hinzu kommt, dass viele Länder des Südens über besonders artenreiche, empfindliche Ökosysteme verfügen, in denen ein Eindringling größere Lücken reißen kann.

Eine Frage der Perspektive

Die Auswertung legt damit einen Widerspruch offen: Dort, wo am meisten geforscht wird, entsteht nicht zwangsläufig der größte Schaden. Für den Artenschutz ist das mehr als eine akademische Feinheit. Wenn internationale Programme ihre Aufmerksamkeit und ihr Geld dorthin lenken, wo die meisten Arten gezählt wurden, riskieren sie, die Regionen mit dem dringendsten Handlungsbedarf zu übersehen. Die Autorinnen und Autoren plädieren deshalb dafür, Forschungskapazitäten gezielter dort aufzubauen, wo sie bislang fehlen – und die Bekämpfung invasiver Arten stärker als globale Aufgabe zu begreifen, nicht als Randthema einzelner Nationen.

Wie belastbar die konkrete Rangfolge einzelner Länder ist, hängt naturgemäß von der Qualität der zugrunde liegenden Daten ab; auch die vereinheitlichten Messgrößen bleiben eine Annäherung. Die Grundaussage aber fügt sich in ein wachsendes Unbehagen darüber, dass die Umweltforschung die Welt bislang vor allem aus der Sicht ihrer wohlhabendsten Regionen vermisst.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines aktuellen Forschungsbefunds und keine wissenschaftliche Originalarbeit.