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Spät erkannt: Warum ADHS und Autismus bei Frauen oft jahrzehntelang übersehen werden

Ein neues Buch einer klinischen Psychologin lenkt den Blick auf ein Versorgungsproblem: Viele Frauen mit ADHS oder Autismus bekommen ihre Diagnose erst mit 30, 40 oder noch später. Woran das liegt – und warum das Konzept des „Masking" dabei eine zentrale Rolle spielt.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Ein aktuell erschienenes Buch einer in Wien tätigen klinischen Psychologin trägt den Titel „Kopfchaos mit System" und widmet sich Autismus, ADHS und deren Kombination bei Frauen. Solche Veröffentlichungen häufen sich – und sie treffen auf ein Thema, das in der Fachwelt seit einigen Jahren intensiv diskutiert wird: die Frage, warum neurologische Entwicklungsbesonderheiten bei Mädchen und Frauen so oft erst spät oder gar nicht erkannt werden.

Ein diagnostisches Muster mit Schieflage

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und Autismus-Spektrum-Störungen galten lange als überwiegend männliche Phänomene. Das lag weniger an der tatsächlichen Verteilung als an der Art, wie die Störungsbilder ursprünglich beschrieben wurden. Die klassischen Diagnosekriterien orientierten sich stark an Beobachtungen bei Jungen – etwa am zappeligen, störenden Verhalten, das im Klassenzimmer sofort auffällt. Mädchen zeigen häufiger eine ruhigere, nach innen gerichtete Ausprägung: Sie träumen vor sich hin, wirken unaufmerksam, ziehen sich zurück. Solche Symptome verursachen weniger Ärger für die Umgebung und werden deshalb seltener zum Anlass für eine Abklärung.

Masking: das ständige Anpassen

Ein zentraler Begriff in dieser Debatte ist das sogenannte Masking oder Camouflaging – das bewusste oder unbewusste Überdecken von Auffälligkeiten. Fachleute beschreiben damit, dass viele betroffene Frauen andere Menschen genau beobachten, deren Verhalten imitieren und soziale Regeln mühsam einstudieren, um nicht negativ aufzufallen. Nach dem Stand der bisherigen Forschung betreiben Frauen dieses Masking im Durchschnitt häufiger und ausgeprägter als Männer. Der Preis dafür ist hoch: Das dauerhafte Anpassen kostet Kraft und kann zu Erschöpfung führen – während es zugleich dazu beiträgt, dass gängige Screening-Verfahren die eigentliche Ursache übersehen.

Fehldiagnosen als Umweg

Weil die zugrunde liegende Besonderheit unentdeckt bleibt, werden ihre Folgen oft anders eingeordnet. In der Versorgungspraxis erhalten Frauen häufig zunächst Diagnosen wie Angststörung, Depression, Essstörung oder eine Persönlichkeitsstörung, bevor überhaupt an ADHS oder Autismus gedacht wird. Diese Begleiterscheinungen sind real und behandlungsbedürftig – doch wenn die dahinterliegende Ursache nicht miterkannt wird, greifen manche Behandlungsansätze zu kurz. Fachleute sprechen deshalb von einem strukturellen Versorgungsproblem, nicht von Einzelfällen.

Wenn beides zusammenkommt

Erschwerend kommt hinzu, dass ADHS und Autismus überdurchschnittlich oft gemeinsam auftreten. Untersuchungen deuten darauf hin, dass ein erheblicher Anteil autistischer Menschen zugleich ADHS-Merkmale zeigt; in der Fachliteratur kursieren Spannen von etwa 30 bis 80 Prozent. Für diese Kombination hat sich inzwischen sogar ein eigener Begriff etabliert: AuDHS. Die überlappenden und sich teils widersprechenden Merkmale machen die Diagnostik zusätzlich anspruchsvoll.

Was sich ändert

In den vergangenen Jahren ist die Aufmerksamkeit für das Thema deutlich gewachsen – befördert auch durch Betroffene, die in sozialen Medien öffentlich über ihre späten Diagnosen sprechen. Das hat zwei Seiten: Einerseits fühlen sich viele Menschen erstmals verstanden und suchen gezielt fachliche Abklärung. Andererseits warnen Fachleute vor voreiliger Selbstdiagnose anhand von Online-Tests, die eine sorgfältige Untersuchung nicht ersetzen können. Gefordert wird vor allem eine gendersensible Diagnostik, die die andere Symptomausprägung bei Frauen von vornherein mitdenkt, statt sie als Abweichung von einem männlich geprägten Standard zu behandeln.

Ob Bücher wie das eingangs genannte hier den entscheidenden Unterschied machen, wird sich zeigen. Ihr Verdienst liegt vor allem darin, ein lange unterschätztes Muster sichtbarer zu machen – und Betroffenen Worte für Erfahrungen zu geben, die viele jahrzehntelang nicht einordnen konnten.


Redaktionelle Einordnung eines aktuellen Themas. Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische oder psychologische Beratung. Bei Verdacht auf ADHS oder eine Autismus-Spektrum-Störung ist eine fachärztliche oder psychologische Abklärung ratsam.