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Prickeln ohne Promille: Warum entalkoholisierter Wein zum ernsten Marktsegment wird

Alkoholfreier Wein und Sekt galten lange als fader Kompromiss. Inzwischen wachsen die Absatzzahlen zweistellig – und hinter dem Trend steckt ein aufwändiges Verfahren, das mit Traubensaft wenig zu tun hat.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Ob am See, beim Sommerapéro oder als Anstoßgetränk auf der Hochzeit: Immer häufiger perlt in den Gläsern ein Wein, dem eine Zutat fehlt – der Alkohol. Was vor wenigen Jahren als Nischenprodukt für Schwangere und Autofahrer belächelt wurde, ist zu einem der dynamischsten Segmente der Getränkebranche geworden. Anbieter werben inzwischen offensiv mit entalkoholisiertem Sekt und Wein, und die Zahlen geben ihnen recht.

Ein Markt, der sich in fünf Jahren verdoppelt hat

Nach Angaben des Deutschen Weininstituts stieg der Absatz alkoholfreier Weine 2024 gegenüber dem Vorjahr um rund 86 Prozent. Bei Sekt lag der Marktanteil alkoholfreier Varianten zuletzt bei etwa 7,5 Prozent – 2019 waren es noch rund fünf Prozent. Betrachtet man alkoholfreie Getränke jenseits des Biers insgesamt, hat sich der Markt in den vergangenen fünf Jahren in etwa verdoppelt. Der Trend passt zu einem breiteren gesellschaftlichen Wandel: Viele Menschen trinken bewusster, achten stärker auf Gesundheit und wollen dennoch nicht auf das gesellige Ritual des Anstoßens verzichten.

Warum „alkoholfrei" nicht immer null bedeutet

Ein Detail sorgt regelmäßig für Verwirrung. Die Kennzeichnung „alkoholfrei" erlaubt in Deutschland bis zu 0,5 Volumenprozent Restalkohol – eine Größenordnung, wie sie auch in reifem Obst oder Fruchtsäften vorkommen kann. Nur die Angabe „ohne Alkohol" oder „0,0 Prozent" garantiert tatsächlich einen vollständig alkoholfreien Inhalt. Für die meisten Konsumentinnen und Konsumenten ist der Unterschied zu vernachlässigen, für manche – etwa in der Schwangerschaft oder bei einer Alkoholerkrankung – kann er dagegen wichtig sein. Ein Blick auf das Etikett lohnt sich also.

Kein Traubensaft: Wie der Alkohol aus dem Wein verschwindet

Der hartnäckigste Irrtum lautet, alkoholfreier Wein sei letztlich nur aufgehübschter Traubensaft. Tatsächlich beginnt er als ganz normaler Wein: Die Trauben werden gekeltert, der Most vergärt, oft reift das Produkt anschließend im Fass. Erst danach wird der Alkohol gezielt entzogen. Traubensaft dagegen wurde nie vergoren – ihm fehlen die Gärungsaromen und die Struktur, die einen Wein ausmachen.

Als besonders schonend gilt die Vakuumdestillation. Dabei wird der Wein unter Unterdruck erhitzt, wodurch der Alkohol schon bei vergleichsweise niedrigen Temperaturen von etwa 30 bis 40 Grad verdampft. Der Vorteil: Die hitzeempfindlichen Aromen bleiben weitgehend erhalten. Viele Kellereien fangen die flüchtigen Aromastoffe während des Prozesses separat auf und führen sie dem entalkoholisierten Wein anschließend wieder zu. Der Aufwand erklärt auch, warum ein guter alkoholfreier Wein preislich nicht selten mit seinem alkoholhaltigen Gegenstück mithalten kann.

Zwischen Genussanspruch und offenen Fragen

Ganz ausgereift ist die Kategorie noch nicht. Weil dem Wein mit dem Alkohol auch ein wichtiger Geschmacksträger und ein Teil des Körpers genommen wird, tüfteln Kellereien an Süße, Säure und Mundgefühl, um die Lücke zu füllen. Kritiker bemängeln, dass entalkoholisierte Weine manchmal süßer oder flacher schmecken als das Original. Befürworter halten dagegen, dass die Qualität von Jahr zu Jahr spürbar steige und gut gemachte Produkte längst mehr seien als ein Notbehelf.

Unstrittig ist, dass sich das Segment vom Randphänomen zur festen Größe entwickelt hat – getragen von einer Generation, die Geselligkeit und Verzicht auf Alkohol nicht mehr als Widerspruch empfindet. Ob der alkoholfreie Wein den klassischen je ersetzt, ist offen. Dass er einen dauerhaften Platz im Regal gefunden hat, lässt sich kaum noch bestreiten.


Dieser Beitrag ordnet einen Konsumtrend redaktionell ein. Hinweise zum Alkoholgehalt einzelner Produkte ersetzen keine gesundheitliche Beratung; im Zweifel gibt das Etikett Auskunft.