Ritterromantik ohne Grenzen: Wie ein EU-Projekt die Burgen am Oberrhein neu belebt
Verfallene Mauern, geteilte Geschichte: Am Oberrhein spannt ein grenzüberschreitendes EU-Projekt einen Bogen über drei Länder – und macht aus alten Burgen ein verbindendes Kulturerbe. Eine Neuauflage soll das Vorhaben nun fortführen.
Wer entlang des Oberrheins wandert, stößt fast überall auf sie: Ruinen und wiederhergestellte Burgen, die auf Bergrücken über Weinbergen thronen. Was heute als malerische Kulisse für Ausflügler dient, war einmal ein dicht geknüpftes Netz aus Herrschaft, Handel und Verteidigung – und es machte nie an Landesgrenzen halt. Genau an diesen gemeinsamen Wurzeln setzt ein europäisches Kooperationsprojekt an, das die Burgen der Region über Ländergrenzen hinweg erforscht, pflegt und erlebbar macht.
Ein Erbe, das keine Grenzen kennt
Der Oberrhein verbindet das Elsass, Baden, die Pfalz und die Nordwestschweiz zu einem Kulturraum, dessen mittelalterliche Geschichte eng verflochten ist. Burgherren wechselten Bündnisse und Besitz über den Fluss hinweg, Baumeister und Steinmetze zogen von Baustelle zu Baustelle. Diese geteilte Vergangenheit spiegelt sich bis heute in ähnlichen Bauformen, gemeinsamen Sagen und einer Landschaft wider, in der Burgen oft in Sichtweite zueinander stehen – nur eben auf verschiedenen Seiten heutiger Staatsgrenzen.
Für die Denkmalpflege ist das eine Chance und eine Last zugleich. Der Erhalt historischer Gemäuer ist teuer, das Wissen über sie oft auf Archive und Fachleute verstreut, und der touristische Wert bleibt ungenutzt, solange jede Burg für sich vermarktet wird. Eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit verspricht, Kräfte zu bündeln, die einzeln zu klein wären.
Vom Modellprojekt zur Fortsetzung
Getragen wird die Kooperation vom EU-Programm INTERREG Oberrhein, das seit Jahren grenzüberschreitende Vorhaben in der Region kofinanziert. Das erste Projekt unter dem Titel „Châteaux rhénans – Burgen am Oberrhein" brachte nach Programmangaben mehrere Dutzend Partner aus Frankreich, Deutschland und der Schweiz zusammen und bündelte ein Gesamtvolumen von rund fünf Millionen Euro, kofinanziert aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung. Ziel war es, Forschung, Kulturvermittlung und Tourismus rund um die Burgen enger zu verzahnen.
Nun soll das Vorhaben in eine zweite Runde gehen: Ein Nachfolgeprojekt wurde in diesem Sommer vom zuständigen Begleitausschuss für eine neue Förderung ausgewählt und unter anderem an einer rheinland-pfälzischen Hochschule angesiedelt. Damit erhält die grenzüberschreitende Arbeit an den Burgen für die kommenden Jahre eine finanzielle Grundlage – ein in der oft kleinteiligen Denkmalpflege keineswegs selbstverständlicher Umstand.
Zwischen Denkmalpflege und Erlebnis
Die praktische Arbeit solcher Projekte bewegt sich stets in einem Spannungsfeld. Auf der einen Seite steht der Schutz: bauhistorische Untersuchungen, die Sicherung bröckelnder Mauern, das Zusammentragen verstreuter Quellen. Auf der anderen Seite steht die Vermittlung an ein Publikum, das nicht nur Fachwissen sucht, sondern Erlebnisse – von digitalen Rekonstruktionen über mehrsprachige Wanderwege bis zu Veranstaltungen, die junge Menschen an das Thema heranführen.
Gerade der Nachwuchs steht im Fokus: Begleitende Formate sollen Jugendliche für das Erbe der Burgen begeistern, ehe es in Vergessenheit gerät. Dahinter steht die Überzeugung, dass Denkmalschutz nur trägt, wenn eine Region sich mit ihren Bauwerken identifiziert – und nicht nur die Fachwelt.
Warum die Kooperation über den Oberrhein hinausweist
Das Beispiel der Oberrhein-Burgen zeigt exemplarisch, was grenzüberschreitende EU-Förderung leisten kann, wenn sie an gemeinsamen Wurzeln ansetzt statt an nationalen Zuständigkeiten. Kulturerbe, das historisch nie an Grenzen endete, wird so wieder als Einheit gedacht. Ob die Burgen am Ende besser erhalten und stärker besucht werden, wird sich erst über Jahre zeigen. Doch der Ansatz, eine ganze Landschaft statt einzelner Ruinen zu betrachten, dürfte über die Region hinaus Schule machen.
Redaktionelle Einordnung eines Kultur- und Fördertrends auf Basis öffentlich zugänglicher Projektangaben.