Zwischen Kolonialkapelle und Klub: Warum Ghanas Highlife wieder gehört wird
Eine Essener Werkstatt lädt zum Vinyl-Abend mit ghanaischer Tanzmusik. Hinter dem kleinen Termin steht ein Musikstil, der die westafrikanische Popmusik prägte – und der gerade neue Aufmerksamkeit findet.
In einer Essener Hofwerkstatt soll an diesem Abend eine Musiktradition zum Klingen kommen, die in Europa bis heute wenig bekannt ist: Ein Musiker mit dem Künstlernamen Epixode stellt laut Ankündigung des Veranstalters anhand ausgewählter Schallplatten den ghanaischen Highlife vor. Der Anlass ist klein, das Thema dahinter ist groß. Denn Highlife gehört zu den einflussreichsten Stilen der afrikanischen Populärmusik – und erlebt derzeit ein spürbares Comeback.
Eine Musik, die im Hafen entstand
Die Wurzeln des Highlife liegen im Accra des späten 19. Jahrhunderts, als das heutige Ghana noch britische Kolonie war. In der Hafenstadt trafen sehr unterschiedliche Klänge aufeinander: die Blaskapellen britischer Militäreinheiten, die Lieder von Seeleuten, die Kirchenmusik christlicher Missionen und der aus der Karibik eingeführte Calypso. Aus dieser Mischung formten einheimische Musiker etwas Neues – afrikanische Rhythmen, gespielt auf überwiegend europäischen Instrumenten, angereichert mit Elementen aus Jazz, Swing und Blues.
Der Name selbst verrät viel über die frühen Jahre. Gespielt wurde diese Musik zunächst in den vornehmen Tanzsälen der Küstenstädte, in die nur ein zahlungskräftiges Publikum kam. Wer draußen stand, hörte die Klänge der Bessergestellten – des "high life". So blieb der Begriff an der Musik haften.
Zwei Wege durch ein Land
Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts teilte sich der Stil in zwei Ausprägungen, die kaum unterschiedlicher hätten sein können. An der Küste tanzte eine gemischte Elite zum Orchester-Highlife: afrikanisierte Foxtrotts, Walzer und Ragtime, gespielt von großen Streich- und Blasformationen. Im Landesinneren entstand parallel der schlichtere Gitarrenband-Highlife, der zunächst auf der Harfenlaute Seprewa und später auf der Gitarre fußte. Die eine Variante klang nach Ballsaal, die andere nach Dorfplatz – beide trugen denselben Namen.
Zur Mitte des 20. Jahrhunderts wurde der Highlife zur populären Musik einer ganzen Region. Bandleader wie E. T. Mensah, oft als "König des Highlife" bezeichnet, füllten Säle in Westafrika, und der Stil strahlte weit über Ghana hinaus aus. Er gilt bis heute als eine der Wurzeln, aus denen sich später Afrobeat und andere westafrikanische Genres speisten.
Warum gerade jetzt wieder Highlife?
Dass ausgerechnet ein Abend mit alten Vinyl-Platten in Essen dieses Erbe aufgreift, ist kein Zufall. Weltmusik-Reihen, Plattenläden und Sammler haben den Highlife in den vergangenen Jahren neu entdeckt, ältere Aufnahmen werden wieder aufgelegt. Zusätzlichen Auftrieb gab eine kulturpolitische Nachricht: Medienberichten zufolge wurde der Highlife Anfang 2026 in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen – eine Würdigung, die das internationale Interesse weiter befeuert haben dürfte.
Für Ghana ist das mehr als eine nostalgische Fußnote. Der Stil erzählt von Kolonialzeit und Unabhängigkeit, von Stadt und Land, von der Fähigkeit, Fremdes aufzunehmen und daraus etwas Eigenes zu machen. Genau diese Offenheit macht ihn bis heute anschlussfähig – auch für ein Publikum, das ihn zum ersten Mal hört.
Ob ein einzelner Hörabend daran viel ändert, ist offen. Doch er steht für einen größeren Trend: das wachsende Interesse an Musiktraditionen jenseits des angloamerikanischen Mainstreams. Wer sich darauf einlässt, entdeckt in den knisternden Rillen einer alten Highlife-Platte nicht nur eingängige Rhythmen, sondern ein Stück westafrikanischer Geschichte.
Dieser Beitrag ordnet einen aktuellen Veranstaltungshinweis kulturhistorisch ein und gibt den Stand öffentlich zugänglicher Quellen wieder. Er ist eine redaktionelle Einordnung, keine Empfehlung einer einzelnen Veranstaltung oder eines Anbieters.