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Millionen Völker, und doch bedroht: Warum die wilde Honigbiene auf der Roten Liste landet

Die Honigbiene gilt als Sinnbild fürs Überleben – Imker halten allein in Deutschland Hunderttausende Völker. Trotzdem stuft die Europäische Rote Liste die frei lebende Honigbiene erstmals als bedroht ein. Ein scheinbarer Widerspruch, der viel über unser Bild von der Natur verrät.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Kaum ein Insekt genießt so viel öffentliche Sympathie wie die Honigbiene. Sie steht auf Verpackungen, in Kinderbüchern und in politischen Reden für eine Natur, die es zu retten gilt. Umso überraschender wirkt eine Entscheidung, die im Herbst 2025 auf europäischer Ebene fiel: Die frei lebende, wilde Form der Westlichen Honigbiene (Apis mellifera) wurde in der Europäischen Roten Liste erstmals als bedroht geführt. Aktuelle Forschungsarbeiten – unter anderem unter Beteiligung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universität Hohenheim und der Schweizer Forschungsanstalt Agroscope – untermauern nun, wie ernst die Lage für die wild lebenden Völker ist.

Der Widerspruch, der keiner ist

Wie passt das zusammen? Überall summt es, Imkervereine verzeichnen Zulauf, Honig gibt es im Supermarkt im Überfluss. Der Schlüssel liegt in einer Unterscheidung, die im Alltag fast völlig untergeht: zwischen der von Menschen gehaltenen und der wild lebenden Honigbiene. Die Bienen in den Kästen der Imkerinnen und Imker sind nicht bedroht – sie werden gefüttert, gegen Krankheiten behandelt und im Bestand aktiv gepflegt. Ihre Zahl sagt wenig darüber aus, wie es Völkern ergeht, die ohne menschliche Hilfe in hohlen Bäumen, Felsspalten oder Gemäuern überleben müssen.

Lange nahm die Wissenschaft an, wilde Honigbienenvölker seien in Europa praktisch verschwunden. Entsprechend führte die Rote Liste die Art 2014 noch unter „Data Deficient“ – zu wenige Daten für eine Bewertung. Erst neuere Feldforschung zeigte, dass es solche frei lebenden Kolonien durchaus noch gibt, ihre Zahl aber rapide sinkt. Fachleute beziffern den Rückgang der wild lebenden Völker auf rund die Hälfte pro Jahrzehnt – ein Tempo, das nach den Kriterien der Roten Liste die Einstufung als bedroht rechtfertigt.

Viele Ursachen, ein Muster

Für den Schwund gibt es nicht die eine Erklärung. Als zentraler Faktor gilt die eingeschleppte Varroamilbe, die ganze Völker zusammenbrechen lässt und der wilde Kolonien ohne menschliche Behandlung besonders schutzlos ausgeliefert sind. Hinzu kommen der Verlust alter, höhlenreicher Bäume als Nistplätze, ein knapperes und einseitigeres Nahrungsangebot in ausgeräumten Landschaften sowie der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Auch der Wettbewerb mit den zahlreichen gehaltenen Völkern um Nektar und Pollen wird diskutiert – ausgerechnet die menschliche Bienenhaltung könnte den wilden Verwandten also indirekt zusetzen.

Das Muster ähnelt dem vieler bedrohter Wildbienenarten, von denen in Europa längst ein erheblicher Teil auf den Roten Listen steht. Neu ist, dass nun auch die vermeintlich robuste Honigbiene in ihrer wilden Ausprägung dazugehört.

Warum die Unterscheidung zählt

Der Fall macht ein grundsätzliches Missverständnis sichtbar. Wer die Honigbiene rettet, indem er ein Volk in den Garten stellt, tut damit nicht automatisch etwas für den Artenschutz – im Gegenteil kann eine hohe Dichte an gehaltenen Völkern wild lebende Bienen und andere Bestäuber unter Druck setzen. Naturschützer plädieren deshalb dafür, den Blick zu weiten: hin zu blütenreichen Landschaften, alten Baumbeständen und einem Nahrungsangebot, von dem Wildbienen, Schwebfliegen und eben auch frei lebende Honigbienen gleichermaßen profitieren.

Ökonomisch steht dabei einiges auf dem Spiel. Schätzungen der Universität Hohenheim zufolge liegt der Wert der Bestäubung durch Insekten allein in Deutschland bei rund 2,5 Milliarden Euro pro Jahr. Die neue Einstufung ist damit weniger ein Alarmruf über den drohenden Verlust des Honigs im Regal als eine Erinnerung daran, dass hinter dem vertrauten Summen ein ökologisches System steht, das weit über die Imkerei hinausreicht.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Forschungsergebnisse und der Europäischen Roten Liste. Er ersetzt keine wissenschaftliche Fachpublikation.