Leerstand als Ressource: Wie die Stadtforschung das Schrumpfen neu deutet
Viele Klein- und Mittelstädte abseits der Ballungsräume verlieren seit Jahrzehnten Einwohner – und werden das absehbar weiter tun. In der Raumforschung wächst deshalb das Interesse an einer unbequemen Frage: Was, wenn Schrumpfung kein zu behebender Fehler ist, sondern eine Ausgangslage?
Kommunalpolitik hat ein eingebautes Vorzeichen: Wachstum ist gut, Rückgang ist schlecht. Neue Baugebiete, Zuzugskampagnen, Ansiedlungserfolge – der Werkzeugkasten der Stadtentwicklung ist überwiegend auf Zunahme ausgelegt. Für einen erheblichen Teil der deutschen Klein- und Mittelstädte passt dieses Vorzeichen jedoch seit Jahrzehnten nicht mehr zur Realität. In Randlagen, in altindustriellen Regionen, in dünn besiedelten Kreisen sinkt die Einwohnerzahl kontinuierlich, und die vorliegenden Bevölkerungsvorausberechnungen deuten nicht auf eine Trendwende hin.
Die Frage hinter der Frage
In der Raumforschung wird deshalb zunehmend eine Perspektive erprobt, die in der lokalen Debatte oft schwer zu vermitteln ist: Schrumpfung nicht primär als Defizit zu behandeln, sondern als Bedingung, unter der sich Stadtentwicklung anders organisieren lässt. Das Interdisziplinäre Zentrum für transformativen Stadtumbau (IZS) in Görlitz – eine gemeinsame Einrichtung des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung und des Internationalen Hochschulinstituts Zittau der TU Dresden – widmet seine diesjährige Diskussionsreihe genau dieser Frage. Es gehe darum, so das Institut, gemeinsam mit Forschung, Praxis und Stadtgesellschaft zu erörtern, wie Schrumpfung als Chance für eine resiliente Entwicklung begriffen werden könne.
Der Begriff, der dabei fällt, lautet „demografie-resilient". Gemeint ist ein Zustand, in dem sinkende Einwohnerzahlen nicht automatisch zu Kürzungen in der Daseinsvorsorge oder zu Abriss im Gebäudebestand führen. Das ist weniger selbstverständlich, als es klingt: Ein großer Teil kommunaler Infrastrukturkosten ist fix. Kanalnetze, Schulgebäude, Schwimmbäder und Verwaltungsapparate lassen sich nicht proportional zur Einwohnerzahl verkleinern. Sinkende Nutzerzahlen bedeuten in der Praxis steigende Pro-Kopf-Kosten – und damit Druck, Einrichtungen zusammenzulegen oder zu schließen, was die Abwanderung wiederum begünstigen kann.
Was leerer Raum ermöglicht
Auf der anderen Seite steht eine Größe, die in wachsenden Städten Mangelware ist: verfügbarer Raum. Wo Wohnungen leerstehen, Ladenlokale frei werden und Grundstückspreise niedrig bleiben, sinken die Zugangshürden für Vorhaben, die sich in einer angespannten Stadt nicht rechnen – Werkstätten, Ateliers, Vereinsräume, experimentelle Wohnformen, Flächen für Stadtgrün oder Regenwasserrückhalt. Der Gedanke ist nicht neu; unter Stichworten wie Zwischennutzung oder „Raumpioniere" wird er in Ostdeutschland seit Jahren erprobt. Neu ist eher der Anspruch, ihn systematisch statt als Einzelfall zu behandeln.
Zugleich ist die Bilanz solcher Projekte gemischt. Zwischennutzungen leben oft von wenigen engagierten Personen, laufen ohne dauerhafte Finanzierung und enden mit dem Fördermittelbescheid. Ob aus punktuellen Initiativen ein tragfähiges Entwicklungsmodell wird, ist eine offene Forschungsfrage – und genau als solche wird sie in der Fachdebatte auch behandelt, nicht als gesicherte Erkenntnis.
Die politische Kehrseite
Bemerkenswert ist, dass die Veranstalter der Görlitzer Reihe eine Frage ausdrücklich mit aufnehmen, die in Diskussionen über Ortsentwicklung häufig ausgespart bleibt: welches Risiko besteht, dass populistische und rechte Initiativen Schrumpfung und Leerstand für sich nutzen. Der Zusammenhang zwischen wahrgenommenem Abgehängtsein, dem Rückzug öffentlicher Einrichtungen und der politischen Stimmungslage in strukturschwachen Räumen ist Gegenstand einer eigenen Forschungsdebatte. Leerer Raum ist nicht neutral – er kann von sehr unterschiedlichen Akteuren besetzt werden, symbolisch wie tatsächlich.
Damit rückt eine Einsicht in den Vordergrund, die sich schlecht in Kommunalwahlkämpfen unterbringen lässt: Für viele Städte lautet die realistische Alternative nicht Wachstum oder Schrumpfung, sondern gestaltete oder ungestaltete Schrumpfung. Wer den Rückgang ausschließlich als Zwischenzustand behandelt, den man mit dem nächsten Neubaugebiet überwindet, riskiert Investitionen in Infrastruktur, für die die Nachfrage ausbleibt. Wer ihn als Ausgangslage akzeptiert, muss unbequeme Entscheidungen über Standorte und Prioritäten offen führen – aber kann sie wenigstens planen.
Die Fachveranstaltung selbst wird im Herbst stattfinden; Anmeldungen sind nach Angaben der Organisatoren bis Mitte September möglich. Interessanter als der Termin ist ohnehin die Verschiebung, die er dokumentiert: weg von der Frage, wie sich Bevölkerungsrückgang aufhalten lässt, hin zu der, wie man unter seinen Bedingungen lebenswerte Orte organisiert.
Redaktionelle Einordnung eines fachlichen Diskussionsstands. Die referierten Positionen stammen aus der Raum- und Stadtforschung und sind teilweise Gegenstand laufender Debatten.