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Der Probenraum fehlt zuerst: Warum Produktionsorte vor den Produktionen verschwinden

Ein Berliner Produktionsort für zeitgenössischen Zirkus gibt zum Jahresende auf – trotz Förderung, trotz Nachfrage. Der Fall zeigt eine Schwachstelle im Fördersystem der freien Szene: Räume werden über Jahresprogramme finanziert, aber über Mietverträge betrieben.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Wenn in der Kulturpolitik gespart wird, richtet sich die Aufmerksamkeit meist auf das Sichtbare: abgesagte Premieren, geschlossene Häuser, gestrichene Festivals. Weniger beachtet wird die Ebene darunter – jene Räume, in denen Produktionen entstehen, bevor sie irgendwo gezeigt werden. Sie tauchen in keinem Spielplan auf und verschwinden entsprechend leise.

Ein aktueller Fall aus Berlin macht diesen Mechanismus sichtbar. Der Produktionsort Katapult in Oberschöneweide, seit 2016 ein auf zeitgenössischen Zirkus und Tanz spezialisierter Arbeits- und Probenort, stellt den Betrieb zum 31. Dezember 2026 ein. Die Betreiber begründen den Schritt nach eigenen Angaben nicht mit fehlender Nachfrage, sondern mit einem finanziellen Risiko, das sie nicht länger tragen wollen. Bemerkenswert ist der Kontext: Der Ort wurde zuletzt gefördert, und zwar mit höheren Mitteln als im Vorjahr.

Jahresförderung trifft Mehrjahresverpflichtung

Genau darin liegt das strukturelle Problem, auf das der Fall verweist. Produktionsorte der freien Szene werden in Berlin überwiegend über Projektförderungen finanziert, die jeweils für ein Jahr bewilligt werden. Ihre Kosten entstehen dagegen aus Mietverträgen, Betriebskosten und Personal – Verpflichtungen, die sich nicht im Jahresrhythmus ein- und ausschalten lassen. Wer im Herbst nicht weiß, ob im Januar Geld fließt, kann weder einen Mietvertrag verlängern noch Personal binden noch eine Sanierung planen. Einer der Mitgründer benennt diesen einjährigen Förderzyklus in der Mitteilung ausdrücklich als Hindernis für langfristige Planung.

Hinzu kommt die Nachfrageseite, die weniger stabil ist, als der oft beschriebene Raummangel vermuten lässt. Proberäume werden von freien Künstlerinnen und Künstlern in der Regel aus Projektmitteln bezahlt. Sinken diese Mittel, sinkt auch die Auslastung der Räume – selbst wenn der Bedarf unverändert hoch ist. Die Betreiber beschreiben genau diesen Effekt: rückläufige Buchungen bei seit Jahren unveränderten Mietpreisen. Kürzungen im Kulturhaushalt wirken damit doppelt, einmal direkt bei den Produktionsorten und einmal indirekt über die Zahlungsfähigkeit ihrer Nutzer.

Der Rahmen: ein schrumpfender Etat

Berlin hat seinen Kulturetat in den vergangenen Haushaltsberatungen deutlich zusammengestrichen. Nach ursprünglich diskutierten Beträgen von bis zu 160 Millionen Euro einigte sich der Senat im Doppelhaushalt 2026/27 auf Kürzungen von jeweils rund 110 Millionen Euro. Die Kulturausgaben sinken damit auf etwa 826 Millionen Euro – erstmals unter zwei Prozent des Gesamthaushalts. Programme zur Sicherung von Arbeitsräumen laufen weiter, für 2026 sind dafür rund 21 Millionen Euro vorgesehen; einzelne Angebote wie das Kontingentprogramm für günstige Proberäume waren zwischenzeitlich jedoch von Einschnitten betroffen.

Über die wirtschaftliche Lage der Nutzerinnen und Nutzer solcher Räume sagen die Sozialversicherungsdaten das Ihre. Die Betreiber verweisen auf Zahlen der Künstlersozialkasse, nach denen darstellende Künstlerinnen und Künstler im Schnitt gut 22.700 Euro Jahreseinkommen erzielen. Erhebungen von Gewerkschaftsseite weisen für diese Berufsgruppe zudem den größten geschlechtsbezogenen Einkommensunterschied im Kulturbereich aus. Wer aus solchen Einkommen Probenraummieten bestreitet, reagiert auf jede Verschiebung im Fördersystem unmittelbar.

Eine Frage, die über Berlin hinausgeht

Der zeitgenössische Zirkus ist dabei ein Sonderfall mit Signalwirkung. Die Sparte braucht Raumhöhe, Verankerungspunkte für Luftartistik und Bodenbeläge, die kaum ein normaler Tanzsaal bietet. Solche Räume entstehen nicht kurzfristig neu – fällt einer weg, ist er faktisch nicht ersetzbar. Anders als eine abgesagte Produktion lässt sich verlorene Infrastruktur nicht im Folgejahr nachholen.

Ob daraus ein kulturpolitischer Schluss folgt, ist eine Abwägungsfrage, die andere zu treffen haben. Verteidiger der jetzigen Praxis verweisen darauf, dass jährliche Bewilligungen Haushaltsflexibilität sichern und verhindern, dass Mittel dauerhaft in Strukturen gebunden werden, deren Nutzen sich ändern kann. Kritiker halten dagegen, dass genau diese Flexibilität die Kosten auf Betreiber verschiebt, die sie am wenigsten tragen können. Der Fall Katapult liefert kein Argument, das die Frage entscheidet – aber ein konkretes Beispiel dafür, wie sie sich in der Praxis auflöst.


Redaktionelle Einordnung. Angaben der Betreiber sind als solche gekennzeichnet und wurden nicht unabhängig überprüft; Haushaltszahlen beruhen auf öffentlich berichteten Beschlüssen.