Musterung statt Modehaus: Warum die Bundeswehr in leere Kaufhäuser zieht
In Oldenburg mietet die Bundeswehr 2.500 m² im ehemaligen C&A, in Schwerin zieht die Musterung ins Einkaufszentrum: Wie Truppenaufwuchs und Kaufhauskrise zusammenfinden – und was das für die Innenstädte bedeutet.
Wo früher Hemden gefaltet und Umkleidekabinen belegt wurden, sollen künftig Bewerbungsgespräche geführt werden: In Oldenburg hat die Bundeswehr rund 2.500 Quadratmeter im ehemaligen C&A-Gebäude an der Langen Straße angemietet. Nach Angaben der beteiligten Maklerhäuser Eden-Ehbrecht Immobilien und Robert C. Spies wurde das historische Einzelhandelsobjekt vollständig und langfristig vermietet – vorgesehen ist eine Nutzung für Nachwuchsgewinnung und Karriereberatung. Von der ersten Besichtigung bis zum Abschluss vergingen laut den Vermittlern rund sechs Monate, verhandelt wurde unter anderem mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben.
Ein Einzelfall ist das nicht
Die Anmietung reiht sich in eine Entwicklung ein, die bundesweit zu beobachten ist. In Schwerin etwa zieht die Bundeswehr für Musterungen in die Marienplatzgalerie, ein Einkaufszentrum in bester Innenstadtlage nahe dem Hauptbahnhof. Und mit dem neuen Wehrdienst entsteht zusätzlicher Flächenbedarf: Das Verteidigungsministerium hat Standortentscheidungen für neue Musterungszentren getroffen, in denen künftig ganze Jahrgänge erfasst und untersucht werden sollen. Schon heute betreibt die Bundeswehr nach eigenen Angaben 15 Karrierecenter und 99 Karriereberatungsbüros im gesamten Bundesgebiet – und sucht dafür gut erreichbare, zentrale Lagen.
Zwei Krisen, die zusammenfinden
Dass ausgerechnet ehemalige Kauf- und Modehäuser ins Raster fallen, ist kein Zufall. Der stationäre Einzelhandel hinterlässt in vielen Innenstädten große zusammenhängende Flächen, für die klassische Nachmieter fehlen – die Insolvenzen großer Warenhausketten haben das Problem in den vergangenen Jahren verschärft. Gleichzeitig wächst der Raumbedarf der Bundeswehr schneller, als eigene Liegenschaften bereitstehen: Der Aufwuchs der Truppe gilt als Infrastrukturaufgabe, und die Bundeswehr gibt kaum noch eigene Flächen an Kommunen oder Investoren ab. Anmietungen in bestehenden Gebäuden sind da oft der schnellere Weg als Neubau – zumal ein Karriere- oder Musterungszentrum keine Kasernensicherheit benötigt, sondern vor allem Publikumsverkehr verkraften muss. Genau dafür wurden Kaufhäuser gebaut.
Was das für die Innenstädte bedeutet
Für Eigentümer großflächiger Handelsimmobilien ist die öffentliche Hand ein attraktiver Mieter: bonitätsstark, langfristig orientiert und wenig konjunkturanfällig. Für die Städte ist die Bilanz gemischter. Einerseits verhindert eine solche Nutzung jahrelangen Leerstand an prominenter Stelle und bringt werktags Frequenz in die Fußgängerzone – Bewerberinnen, Bewerber und Beschäftigte kaufen mittags ein und beleben das Umfeld. Andererseits ersetzt eine Behördennutzung keinen Publikumsmagneten mit Schaufenster: Abends und am Wochenende bleibt die Fläche dunkel, und die einmal umgebaute Immobilie kehrt selten in den Handel zurück. Stadtplaner sprechen deshalb von einem Übergang der Innenstadt vom reinen Konsumort zum gemischten Standort aus Handel, Dienstleistung, Bildung und öffentlicher Hand.
Die Vermittler des Oldenburger Deals werten den Abschluss als „wichtiges Signal" für die Neuausrichtung großflächiger Einzelhandelsobjekte – eine Einschätzung, die naturgemäß auch im eigenen Geschäftsinteresse liegt. Der dahinterliegende Befund dürfte aber stimmen: Wenn Verteidigungsetat und Personalbedarf der Bundeswehr weiter wachsen, werden Anmietungen dieser Art in den kommenden Jahren häufiger. Die Uniform im ehemaligen Kaufhaus könnte zum vertrauten Bild deutscher Innenstädte werden.
Redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Quellen, unter anderem einer Pressemitteilung von Eden-Ehbrecht Immobilien und Robert C. Spies (openPR.de) sowie Angaben des Bundesverteidigungsministeriums und der Bundeswehr.
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