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Die blinden Flecken der Bioinvasion: Warum eingeschleppte Arten den Globalen Süden härter treffen – und schlechter erforscht sind

Eingeschleppte Tiere und Pflanzen gehören zu den größten Treibern des weltweiten Artensterbens. Eine aktuelle Auswertung legt nahe: Gerade dort, wo der Schaden am größten sein dürfte, wird am wenigsten geforscht. Über eine Wissenslücke mit Folgen.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Es sind unscheinbare Mitreisende: eine Muschel im Ballastwasser eines Frachters, Samen im Profil eines Autoreifens, ein Zierstrauch aus dem Gartencenter. Doch wenn gebietsfremde Arten in einem neuen Lebensraum Fuß fassen und sich ungebremst ausbreiten, gehören sie zu den wirkmächtigsten Kräften im weltweiten Artenschwund. Eine aktuelle wissenschaftliche Auswertung lenkt den Blick nun auf eine unbequeme Schieflage: Ausgerechnet die Weltregionen, die von solchen Bioinvasionen am stärksten betroffen sein dürften, sind bislang am schlechtesten untersucht.

Ein Treiber des Artensterbens, oft unterschätzt

Dass invasive Arten kein Randthema sind, hat der Weltbiodiversitätsrat IPBES 2023 in einem vielbeachteten Bericht dokumentiert. Demnach haben sich weltweit rund 37.000 gebietsfremde Arten dauerhaft angesiedelt; etwa 3.500 von ihnen gelten als problematisch. An 60 Prozent aller dokumentierten Aussterbeprozesse sind eingeschleppte Arten demnach beteiligt, auf Inseln sogar an rund 90 Prozent. Die wirtschaftlichen Kosten bezifferte der Bericht auf mehr als 420 Milliarden US-Dollar jährlich – Tendenz seit Jahrzehnten steil steigend.

Neben dem Klimawandel, der Zerstörung von Lebensräumen, Übernutzung und Verschmutzung zählen invasive Arten damit zu den fünf zentralen Ursachen der Naturkrise. Anders als beim Klimawandel fehlt ihnen jedoch die öffentliche Aufmerksamkeit – obwohl der Schaden, einmal angerichtet, oft kaum rückgängig zu machen ist.

Wo geforscht wird – und wo nicht

Genau hier setzt die aktuelle Untersuchung an, auf die ein Wissenschaftsdienst hinweist. Ihr Befund: Das globale Wissen über Bioinvasionen ist geografisch stark verzerrt. Der weitaus größte Teil der Studien stammt aus wohlhabenden Ländern des Globalen Nordens – aus Europa, Nordamerika, Australien. Regionen des Globalen Südens, in denen artenreiche Ökosysteme auf begrenzte Forschungsbudgets treffen, sind dagegen unterrepräsentiert. Fachleute sprechen von einem research bias, einer systematischen Verzerrung dessen, was überhaupt gemessen und veröffentlicht wird.

Das ist mehr als ein akademisches Problem. Wo kaum geforscht wird, werden Invasionen spät erkannt, ihre Folgen unterschätzt und Gegenmaßnahmen später eingeleitet. Länder mit hoher biologischer Vielfalt, aber schwacher Datenlage laufen so Gefahr, dass Schäden erst sichtbar werden, wenn sie sich kaum noch eindämmen lassen. Die Auswertung legt nahe, dass die tatsächliche Betroffenheit des Globalen Südens deshalb höher liegen dürfte, als die vorhandenen Zahlen vermuten lassen.

Warum die Lücke schwer zu schließen ist

Die Ursachen der Schieflage sind vielschichtig. Forschung kostet Geld, Personal und Infrastruktur – Ressourcen, die in ärmeren Ländern knapper sind. Hinzu kommen Sprachbarrieren, ein wissenschaftliches Publikationssystem, das englischsprachige Studien bevorzugt, und Datenbanken, die von Einrichtungen des Nordens dominiert werden. Das Ergebnis ist ein selbstverstärkender Effekt: Wo bereits viel bekannt ist, wird weiter geforscht; blinde Flecken bleiben blind.

Dabei kennt die Verbreitung invasiver Arten keine Ländergrenzen. Der globale Handel, wachsende Transportwege und der Klimawandel, der neuen Arten bisher ungeeignete Regionen erschließt, sorgen dafür, dass das Problem eher zu- als abnimmt. Der IPBES-Bericht hielt fest, dass ein erheblicher Teil der Länder bislang keine gezielten Rechtsvorschriften oder Programme gegen biologische Invasionen besitzt.

Was folgt daraus

Fachleute plädieren seit Längerem für eine gerechtere Verteilung von Forschungsmitteln, für den Aufbau lokaler Kapazitäten und für internationale Frühwarn- und Meldesysteme, die Funde schneller sichtbar machen. Prävention gilt dabei als das mit Abstand wirksamste Mittel: Eine Art gar nicht erst einzuschleppen, ist ungleich billiger, als sie später zu bekämpfen. Der Blick auf die Datenlücken des Globalen Südens ist damit weniger ein Nischenthema der Ökologie als eine Frage, wie ernst es die Welt mit dem Schutz ihrer verbleibenden Artenvielfalt meint.


Dieser Beitrag ordnet einen aktuellen wissenschaftlichen Hinweis redaktionell ein und gibt den Stand der zitierten Berichte wieder. Er erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.