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Zwischen Anspruch und Kaufzurückhaltung: Wie sich die grüne Mode neu sortiert

Eine Leitmesse der nachhaltigen Textilbranche schließt mit gemischter Bilanz. Dahinter steht die Frage, wie sich ökologisch produzierte Mode in einem Markt behauptet, in dem die Kundschaft aufs Geld schaut – und der Preisabstand zur Fast Fashion groß bleibt.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Wenn sich die Branche für ökologisch und fair produzierte Kleidung zu ihrer wichtigsten deutschen Fachmesse trifft, ist das mehr als ein Termin im Kalender. Es ist eine Bestandsaufnahme. Die jüngste Ausgabe der Ordermesse im Rhein-Main-Gebiet, auf der laut Veranstalter rund 200 Labels ihre Kollektionen zeigten, ging Mitte Juli mit einer betont pragmatischen Grundstimmung zu Ende. Von Aufbruch war weniger die Rede als von Standhaftigkeit: Man kenne die schwierige Lage, wolle sie aber gestalten statt beklagen. Das klingt nüchtern – und ist es auch.

Eine Branche unter doppeltem Druck

Die grüne Mode steckt in einer Zwickmühle, die sinnbildlich für viele nachhaltige Nischen steht. Auf der einen Seite ist das Bewusstsein für die ökologischen und sozialen Folgen der Textilproduktion so ausgeprägt wie nie. Auf der anderen Seite sitzt das Geld bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern nach Jahren spürbarer Teuerung längst nicht mehr locker. Der Handelsverband Deutschland warnt seit Monaten vor einer angespannten Konsumstimmung, und Kleidung gehört zu den Ausgaben, die sich vergleichsweise leicht aufschieben lassen. Wer sparen muss oder will, kauft die Jacke eben später – oder billiger.

Genau hier liegt das strukturelle Problem. Nachhaltig gefertigte Textilien sind in der Herstellung teurer: zertifizierte Materialien, existenzsichernde Löhne, kleinere Stückzahlen und kürzere Lieferketten schlagen sich im Preis nieder. Gegen die extrem günstige Ware großer Online-Plattformen und Fast-Fashion-Ketten wirkt ein fair produziertes Kleidungsstück im direkten Preisvergleich schnell wie ein Luxus. Dass hinter dem höheren Preis reale Kosten stehen, die anderswo nur ausgelagert werden – an Umwelt, an Näherinnen, an künftige Generationen –, lässt sich am Kleiderständer nur schwer vermitteln.

Weniger Wachstumsfantasie, mehr Handwerk

Auffällig ist, wie sich der Ton in der Branche verschoben hat. Wo vor einigen Jahren noch das große Wachstum beschworen wurde, dominiert inzwischen ein realistischerer Blick. Statt neue Märkte zu erobern, geht es vielen Labels zunächst darum, die eigene Substanz zu sichern: Stammkundschaft halten, Kollektionen verschlanken, Überproduktion vermeiden. Manche setzen auf Reparatur- und Rücknahmeangebote oder auf Miet- und Gebrauchtmodelle, um den Wert eines Kleidungsstücks über den Erstverkauf hinaus zu strecken. Nachhaltigkeit wird damit weniger als Verkaufsversprechen inszeniert und stärker als Betriebsprinzip verstanden.

Rückenwind erhoffen sich die Anbieter zugleich von der Regulierung. Auf europäischer Ebene sollen künftig strengere Vorgaben gegen das vorzeitige Aussortieren von Ware, gegen irreführende Umweltwerbung und für langlebigere, besser reparierbare Produkte greifen. Sollte sich der regulatorische Rahmen tatsächlich verschärfen, würde er einen Teil des Kostennachteils ausgleichen, den verantwortungsvoll wirtschaftende Hersteller heute tragen. Ob und wie konsequent diese Regeln am Ende durchgesetzt werden, ist allerdings offen – und für kleine Labels ist jede zusätzliche Dokumentationspflicht auch eine Belastung.

Warum die Nische trotzdem bleibt

Trotz aller Schwierigkeiten verschwindet der Markt für nachhaltige Mode nicht. Er wächst nur langsamer und selektiver, als es die Aufbruchsjahre erwarten ließen. Ein harter Kern an Kundinnen und Kunden ist bereit, für Qualität, Herkunft und Haltbarkeit mehr zu zahlen – gerade weil billige Kleidung nach wenigen Wäschen ausgedient hat. Für viele Betriebe geht es deshalb darum, diese Gruppe zu halten und die Erzählung vom fairen Kleiderschrank glaubwürdig zu halten, ohne in moralische Überforderung zu kippen.

Die gemischte Messebilanz lässt sich so als Momentaufnahme einer Branche lesen, die ihre Euphorie hinter sich hat, aber ihre Überzeugung nicht. Ob aus dem entschlossenen Durchhalten wieder Wachstum wird, hängt an Faktoren, die kaum ein einzelnes Label steuern kann: an der Kaufkraft der Haushalte, an der Ernsthaftigkeit der Politik und an der Frage, ob günstig auch künftig als selbstverständlich gilt.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines Branchentrends und keine Kaufberatung. Marktangaben beruhen auf Aussagen von Verbänden und Veranstaltern.