Kein Platz fürs Smartphone: Warum die Hosentaschen von Frauen kleiner bleiben
Ein Start-up wirbt mit Frauenjeans, in die das Handy wirklich passt. Der Aufhänger ist klein, das Thema dahinter groß: Warum funktionieren die Hosentaschen von Frauen bis heute schlechter als die von Männern – und was sagt das über die Art, wie Produkte entworfen werden?
Es ist ein Ärgernis, das viele kennen und das doch selten in den Nachrichten landet: Das Smartphone passt nicht in die vordere Hosentasche der Jeans, der Schlüssel drückt, die Hand findet kaum Halt. Ein deutsches Start-up nimmt genau dieses Alltagsproblem zum Anlass und bringt nach eigenen Angaben Frauenjeans mit tiefen, tatsächlich nutzbaren Taschen auf den Markt. Ob das Produkt hält, was es verspricht, muss sich zeigen. Interessanter als die einzelne Marke ist die Frage dahinter: Warum sind die Taschen von Frauenhosen überhaupt so klein – und warum ändert sich das so langsam?
Was die Zahlen sagen
Dass es sich nicht um ein gefühltes Problem handelt, hat 2018 eine viel beachtete Auswertung des Datenjournalismus-Projekts „The Pudding" gezeigt. Die Autorinnen und Autoren vermaßen die Taschen von 80 Jeans-Paaren aus 20 großen Marken – jeweils in derselben Größe, damit die Ergebnisse vergleichbar sind. Das Resultat: Die vorderen Taschen von Frauenjeans waren im Durchschnitt rund 48 Prozent kürzer und gut sechs Prozent schmaler als die von Männerjeans. In der Praxis heißt das, dass ein gängiges Smartphone nur in einen Bruchteil der getesteten Frauentaschen passte, während es in die Männertaschen fast durchweg hineinrutschte. Auch die ganze Hand fand in den Frauenmodellen kaum Platz.
Bemerkenswert ist ein Detail: Die hinteren Taschen unterschieden sich kaum. Das spricht dagegen, dass allein die Körperform die kleinen vorderen Taschen erklärt – sie sind vor allem eine Entscheidung im Schnitt.
Design als Gewohnheit
Warum also die kleinen Taschen? Historisch trugen Frauen ihre Habseligkeiten lange nicht am Körper, sondern in separaten Beuteln und später in Handtaschen – ein Muster, das sich über Jahrhunderte in die Kleidung eingeschrieben hat. Hinzu kommt die Ästhetik: Enge, glatte Silhouetten lassen sich leichter schneidern, wenn die Taschen flach ausfallen oder ganz wegfallen. Wo Taschen stören könnten, werden sie kurzerhand angedeutet oder zugenäht. Die Folge ist ein Kleidungsstück, das gut aussieht, aber wenig kann.
Fachleute ordnen das Phänomen in einen größeren Zusammenhang ein, der unter dem Stichwort „Gender Data Gap" diskutiert wird. Die Autorin Caroline Criado Perez hat in ihrem Buch „Invisible Women" zahlreiche Beispiele gesammelt, in denen Produkte, Räume und Technik unausgesprochen am männlichen Körper und Alltag ausgerichtet werden – von Sicherheitsgurten über Spracherkennung bis zu Werkzeugen. Die Hosentasche ist in dieser Lesart kein Skandal, aber ein anschauliches, alltägliches Symptom: Wenn eine Nutzergruppe beim Entwurf nicht mitgedacht wird, fällt das Ergebnis für sie schlechter aus.
Zwischen Symbol und echtem Bedarf
Dass ausgerechnet Taschen zum Politikum werden, mag überraschen. Doch die Debatte trifft einen praktischen Nerv: In einer Zeit, in der fast alle ständig ein Smartphone bei sich tragen, entscheidet die Tasche darüber, ob man die Hände frei hat oder eine Tasche schleppen muss. Kleine Start-ups und einzelne Modelabels bewerben funktionale Taschen inzwischen offensiv als Verkaufsargument – ein Zeichen dafür, dass sich hier ein Markt gebildet hat, den große Hersteller lange übersahen.
Ob daraus ein dauerhafter Wandel wird, ist offen. Mode lebt von Zyklen, und weite Schnitte mit großzügigen Taschen kommen und gehen. Klar ist nur: Wer heute Kleidung entwirft, kann sich schwerer damit herausreden, an die Bedürfnisse der Trägerinnen nicht gedacht zu haben. Das kleine Ärgernis in der Hosentasche ist damit auch eine Erinnerung daran, dass gutes Design nicht bei der Optik endet, sondern bei der Frage beginnt, wer ein Produkt am Ende benutzt.
Dies ist eine redaktionelle Einordnung eines Branchen- und Gesellschaftstrends. Genannte Unternehmen dienen als Beispiel und stellen keine Empfehlung dar.