Zwanzigtausend Rollbilder: Was die Digitalisierung der Schulwandbilder sichtbar macht
Bevor es Beamer und Whiteboards gab, hing an der Klassenzimmerwand ein großformatiges Bild. Eine Würzburger Sammlung mit rund 20.000 solcher Tafeln wird nun schrittweise digital erschlossen – und wirft dabei eine Frage auf, die über Nostalgie hinausgeht: Wer bestimmte eigentlich, wie die Welt im Unterricht auszusehen hatte?
Wer vor 1970 zur Schule ging, kennt sie: die aufgerollten Leinwandtafeln über der Tafel, die die Lehrkraft für eine Unterrichtsstunde herunterzog. Ein Querschnitt durch den menschlichen Körper, eine Alpenlandschaft, eine Szene aus der germanischen Frühgeschichte, ein Bauernhof mit sorgfältig arrangiertem Vieh. Das Schulwandbild war über gut 150 Jahre das wichtigste visuelle Medium des deutschen Unterrichts – und ist heute weitgehend aus den Schulen verschwunden.
Erhalten geblieben sind die Bestände dort, wo jemand sie systematisch gesammelt hat. Die Forschungsstelle Historische Bildmedien an der Universität Würzburg verwahrt eine der größten derartigen Sammlungen in Europa; angegeben werden rund 20.000 Tafeln aus etwa der Zeit zwischen 1840 und 1990, quer durch alle Schulfächer. Teile dieses Bestands sollen nun in das bayerische Kulturportal für digitalisierte Bestände überführt werden. Damit wird eine Sammlung, die bislang vor Ort in Schränken lagerte, überregional recherchierbar.
Ein Medium, das mehr transportierte als Fachwissen
Für die Bildungsforschung sind Schulwandbilder weniger als Illustration interessant denn als Quelle. Ein Wandbild musste in wenigen Sekunden lesbar sein und vom hintersten Platz aus wirken. Das erzwang Vereinfachung: klare Umrisse, kräftige Farben, eine eindeutige Bildmitte, keine Ambivalenz. Genau in diesen Zwängen liegt der Quellenwert. Was weggelassen wurde, was in die Mitte rückte und was am Rand blieb, sagt etwas darüber aus, welches Weltbild eine Zeit für vermittelbar hielt.
Das lässt sich an Serien gut nachvollziehen. Landschaftsbilder zeigen selten nur Geografie, sondern eine Vorstellung von Heimat. Bilder aus der Arbeitswelt ordnen Berufe, Geschlechter und soziale Rollen. Darstellungen fremder Länder aus der Kolonialzeit transportieren ein Selbstverständnis, das mit dem geografischen Lehrstoff wenig zu tun hat. Und Bildserien aus den 1930er Jahren machen sichtbar, wie schnell sich ein Unterrichtsmedium politisch vereinnahmen lässt. Wandbilder waren nie neutrale Anschauung; sie waren Erziehung des Blicks.
Warum Digitalisierung hier mehr ist als Abfotografieren
Der Aufwand, solche Bestände digital verfügbar zu machen, wird regelmäßig unterschätzt. Ein Schulwandbild ist oft über einen Meter groß, auf Leinwand kaschiert, an den Rändern brüchig und selten flach. Es muss großformatig und farbverbindlich reproduziert werden, weil gerade die Farbgebung Gegenstand der Analyse ist. Der eigentliche Arbeitsaufwand steckt danach: in der Erschließung. Ohne Angaben zu Verlag, Erscheinungsjahr, Serienzugehörigkeit, Zeichner und Schulfach ist ein digitalisiertes Bild kaum recherchierbar – und ohne kontrollierte Schlagwörter lässt sich keine der interessanten Fragen stellen.
Hinzu kommt eine urheberrechtliche Hürde, die viele Digitalisierungsvorhaben ausbremst. Bei Material aus dem 20. Jahrhundert sind Zeichner und Verlage oft nicht mehr zu ermitteln, die Schutzfristen aber noch nicht abgelaufen. Ein Teil solcher Bestände landet deshalb nur im Lesesaal statt frei im Netz. Für die Nutzung durch Schulen und Interessierte macht das einen erheblichen Unterschied.
Der Nutzen liegt in der Menge
Ein einzelnes digitalisiertes Wandbild ist ein hübsches Fundstück. Ein durchsuchbarer Bestand von mehreren tausend Bildern ist etwas anderes: Er erlaubt Vergleiche über Jahrzehnte, Verlage und Regionen hinweg. Wie veränderte sich die Darstellung des Bauernhofs zwischen Kaiserreich und Wirtschaftswunder? Ab wann tauchen Fabriken auf, ab wann Autobahnen, ab wann Frauen in anderen Rollen als der häuslichen? Solche Fragen lassen sich erst beantworten, wenn die Serien vollständig und maschinell durchsuchbar vorliegen.
Darin ähnelt das Vorhaben vielen anderen Digitalisierungsprojekten im Kulturbereich: Der sichtbare Ertrag – schöne Bilder im Netz – ist nicht der eigentliche. Der eigentliche Ertrag entsteht dort, wo Metadaten sauber genug sind, um Bestände quer zu befragen. Dass dieser Teil der Arbeit unspektakulär ist und selten in Pressemitteilungen auftaucht, ändert nichts daran, dass er über den Wert der ganzen Übung entscheidet.
Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines Forschungs- und Digitalisierungsthemas.