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Warum das Phantastische boomt: Was Fantasy, Science-Fiction und Horror über die Gegenwart verraten

Eine kultursoziologische Studie zum Phantastischen erscheint in erweiterter Neuauflage – Anlass, ein Genre zu betrachten, das längst aus der Nische gewachsen ist. Drachen, Raumschiffe und Untote sind heute Massenkultur. Interessant ist weniger, dass sie boomen, als was das über uns aussagt.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Dass ein Fachverlag die zweite, erweiterte Auflage einer Studie über Fantasy, Science-Fiction und Horror ankündigt, ist für sich genommen eine Randnotiz des Buchmarkts. Bemerkenswert ist der Gegenstand: Das Phantastische, lange als Unterhaltung für Jugendliche und Nischenpublikum belächelt, ist zu einem der einflussreichsten Erzählmodi der Gegenwart geworden. Wer heute über Populärkultur spricht, spricht fast zwangsläufig über erfundene Welten.

Ein Genre verlässt die Nische

Die Belege liegen offen zutage. Die umsatzstärksten Kinofilme und Serien der vergangenen Jahre spielen in Fantasy-Reichen, ferner Zukunft oder postapokalyptischen Landschaften. Videospiele, längst die größte Unterhaltungsindustrie überhaupt, sind ohne magische oder futuristische Settings kaum vorstellbar. Und auf den Bestsellerlisten behaupten sich fantastische Stoffe neben Krimi und Ratgeber. Was einst als Eskapismus abgetan wurde, ist zum kulturellen Mainstream geworden – mit eigenen Festivals, Wissenschaftstagungen und einer Leserschaft, die quer durch alle Altersgruppen reicht.

Warum gerade jetzt

Für den Boom gibt es mehrere plausible Erklärungen, die sich nicht ausschließen. Eine verweist auf das Bedürfnis nach Entlastung: In einer als unübersichtlich und krisenhaft empfundenen Wirklichkeit bieten geschlossene Fantasiewelten Orientierung, klare Konflikte und ein Gefühl von Sinn, das der Alltag oft schuldig bleibt. Eine zweite Deutung betont das Gegenteil – nämlich dass das Phantastische die Gegenwart gerade nicht ausblendet, sondern sie durch Verfremdung schärfer sichtbar macht. Eine dritte, nüchterne Lesart verweist schlicht auf die Technik: Erst digitale Effekte und aufwendige Produktionen haben es möglich gemacht, fremde Welten überzeugend auf die Leinwand und den Bildschirm zu bringen.

Der Spiegel im Kostüm

Der vielleicht interessanteste Punkt ist die gesellschaftliche Funktion solcher Erzählungen. Science-Fiction war immer auch ein Gedankenexperiment: Sie durchspielt, was Technologien, Machtverhältnisse oder ökologische Kipppunkte mit einer Gesellschaft anstellen könnten, ohne sich an die Grenzen des heute Machbaren zu halten. Dystopien verhandeln Überwachung und Kontrollverlust, Klimafiktion übersetzt abstrakte Kurven in konkrete Schicksale, und selbst der Horror lässt sich als Ventil für kollektive Ängste lesen, die im Sachbuch keinen Platz finden. Das Phantastische kann Dinge sagen, für die dem Realismus die Sprache fehlt – gerade weil es sich nicht rechtfertigen muss, wahrscheinlich zu sein.

Zwischen Kommerz und Kritik

Man sollte den Befund nicht überhöhen. Ein großer Teil der fantastischen Produktion ist Ware wie jede andere: kalkuliert, seriell, auf Fortsetzung angelegt. Nicht jeder Drachenfilm ist ein Kommentar zur Weltlage, und der Verweis auf tiefere Bedeutung kann selbst zur Marketingfigur werden. Doch auch das gehört zum Bild. Dass eine Kultur ihre Hoffnungen, Ängste und Streitfragen bevorzugt in erfundenen Welten verhandelt, sagt etwas über diese Kultur aus – unabhängig davon, ob im Einzelfall Kunst oder Kommerz überwiegt. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Phantastischen, wie sie die neu aufgelegte Studie unternimmt, ist insofern weniger ein Nischeninteresse als der Versuch, einen Hauptschauplatz der Gegenwart ernst zu nehmen.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe: Dass das Erfundene so populär ist, ist kein Zeichen von Realitätsflucht, sondern ein Hinweis darauf, wie intensiv sich Gesellschaften über Umwege mit sich selbst beschäftigen. Die Drachen sind nur das Kostüm.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines kulturellen Trends und gibt die Einschätzung der Redaktion wieder.