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Warum bei Tüpfelhyänen die Töchter erben, was den Söhnen fehlt

Eine neue Auswertung aus dem Ngorongoro-Krater rückt eine Tierart in den Blick, bei der nicht Kraft über den Rang entscheidet, sondern Herkunft. Bei Tüpfelhyänen geben Mütter ihren Status weiter – und erklären damit, warum ausgerechnet die Weibchen die kompetitivere Seite sind.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Dass Männchen im Tierreich um Rang und Weibchen konkurrieren, gilt vielen als biologische Grundregel. Die Tüpfelhyäne stellt dieses Bild seit Langem auf den Kopf: In ihren Clans geben die Weibchen den Ton an, und der Nachwuchs übernimmt seine Stellung nicht durch Muskelkraft, sondern durch Abstammung. Eine Langzeitauswertung von Forschenden des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) und des Institut des Sciences de l'Évolution de Montpellier, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Science Advances, liefert dafür nun eine überraschend schlüssige Erklärung – und rührt an eine große Frage: Warum sind bei manchen Arten die Weibchen die kompetitivere Seite?

Rang wird nicht erkämpft, sondern weitergereicht

Der Schlüsselbegriff der Studie ist die „soziale Vererbung von Privilegien". Gemeint ist damit kein genetisches Erbe im engeren Sinn, sondern ein Mechanismus, der über Verhalten und Lernen funktioniert. Ein junges Hyänenweibchen übernimmt im Lauf seiner ersten Lebensmonate die Position, die seine Mutter im Clan innehat – knapp unterhalb von ihr. Es lernt dabei, welche anderen Gruppenmitglieder ihm unterlegen sind, weil sie schon der Mutter unterlegen waren. Die Mutter stützt diesen Prozess aktiv, indem sie ihrem Nachwuchs in Auseinandersetzungen mit anderen Weibchen beisteht. So verfestigt sich eine Rangordnung, die weniger mit körperlicher Überlegenheit zu tun hat als mit sozialer Zugehörigkeit.

Für Männchen kehrt sich dieses Prinzip um. Wenn sie geschlechtsreif werden, verlassen sie ihren Geburtsclan und schließen sich einer fremden Gruppe an. Dort beginnen sie ganz unten, ohne mütterliche Rückendeckung und ohne ererbten Status. Sie ordnen sich sämtlichen ansässigen Weibchen und deren Nachkommen unter. Genau darin liegt laut den Studienautoren der Grund, warum bei Tüpfelhyänen die Weibchen so ausgeprägt konkurrenzstark auftreten: Nicht ein besonderer weiblicher „Kampfgeist" treibt das an, sondern ein System, in dem eingewanderte Männchen strukturell benachteiligt sind.

28 Jahre Daten aus dem Krater

Die Belastbarkeit solcher Aussagen hängt an der Datenbasis – und die ist in diesem Fall bemerkenswert. Nach Angaben des Instituts stützt sich die Auswertung auf Beobachtungen über 28 Jahre hinweg, mit Daten von mehreren hundert einzeln erkennbaren Hyänen aus mehreren Clans im tansanischen Ngorongoro-Krater. Solche Langzeitprojekte sind in der Verhaltensforschung selten, weil sie über Forschergenerationen hinweg fortgeführt werden müssen. Erst dieser lange Atem macht es möglich, den Lebensweg einzelner Tiere und den ihrer Nachkommen nachzuzeichnen und statistisch zu prüfen, wie stark der geerbte Rang tatsächlich den Fortpflanzungserfolg beeinflusst.

Der Befund fügt sich in eine Reihe früherer Arbeiten desselben Forschungsumfelds ein. Andere Untersuchungen hatten bereits nahegelegt, dass sozialer Status bei Tüpfelhyänen sogar epigenetische Spuren hinterlässt – also messbare Muster in der Aktivität von Genen, ohne dass sich der genetische Code selbst ändert. Ungleichheit, so die Lesart, geht bei diesen Tieren buchstäblich unter die Haut.

Warum das über Hyänen hinausweist

Interessant ist der Fall nicht nur für Zoologen. Er zeigt, wie vorsichtig man mit vermeintlich universellen Regeln über „typisch männliches" oder „typisch weibliches" Verhalten sein sollte. Dominanz ist bei Tüpfelhyänen kein individuelles Merkmal, das man mitbringt, sondern ein Produkt von Herkunft, Lernen und sozialer Struktur. Wer die Weibchen isoliert betrachtet, sieht Konkurrenzstärke; wer das ganze System betrachtet, sieht einen Verteilungsmechanismus.

Übertragungen auf den Menschen verbieten sich dabei – Hyänenclans sind keine Blaupause für menschliche Gesellschaften, und die Forschenden selbst ziehen solche Kurzschlüsse nicht. Was bleibt, ist ein instruktives Beispiel dafür, wie stark Startbedingungen wirken können: Bei den Tüpfelhyänen entscheidet nicht, wie stark ein Tier ist, sondern in welche Familie es hineingeboren wird.


Dieser Beitrag ordnet eine aktuelle Forschungsmeldung redaktionell ein und ersetzt keine wissenschaftliche Fachpublikation.