Vom Meer zur Kohlenstoffquelle: Warum der ausgetrocknete Aralsee zum Klimafaktor wird
Der einst viertgrößte See der Welt ist fast verschwunden – und gibt heute Kohlenstoff frei, den seine Sedimente über Jahrtausende gebunden hatten. Eine neue Berechnung rückt den Seeboden als unterschätzte CO₂-Quelle in den Blick und rechnet vor, was eine teilweise Wiederbefüllung wert sein könnte.
Der Aralsee in Zentralasien gilt seit Jahrzehnten als Musterbeispiel einer menschengemachten Umweltkatastrophe. Weil das Wasser der Zuflüsse Amudarja und Syrdarja seit der Sowjetzeit großflächig zur Bewässerung von Baumwoll- und Reisfeldern abgeleitet wurde, konnte der Nachschub die Verdunstung nicht mehr ausgleichen. Der einst viertgrößte Binnensee der Erde schrumpfte dramatisch; heute sind Schätzungen zufolge rund 90 Prozent der ursprünglichen Wasserfläche verschwunden. Zurück blieb eine Salz- und Staubwüste, die als „Aralkum" bekannt ist.
Ein Seeboden, der Kohlenstoff abgibt
Was lange vor allem als regionales Drama aus versalzten Böden, verwehtem Giftstaub und zusammengebrochener Fischerei erzählt wurde, bekommt nun eine zusätzliche, globale Dimension. Seen und Binnenmeere sind wichtige Speicher im Kohlenstoffkreislauf: Über lange Zeiträume lagert sich organisches Material – abgestorbene Pflanzen, Algen, Schwebstoffe – am Grund ab und bindet dort Kohlenstoff. Solange der Seeboden von Wasser bedeckt ist, bleibt dieser Speicher weitgehend stabil. Fällt das Gewässer trocken, kehrt sich der Mechanismus um: Aus der Senke wird eine Quelle, und der zuvor gebundene Kohlenstoff entweicht als Kohlendioxid in die Atmosphäre.
Eine aktuelle wissenschaftliche Auswertung hat diesen Prozess für den Aralsee erstmals systematisch beziffert. Grundlage waren unter anderem Feldmessungen einer Expedition, bei der Forschende Sedimentproben nahmen, CO₂-Flüsse direkt vor Ort maßen und die Daten mit Satellitenbeobachtungen aus mehr als fünf Jahrzehnten Austrocknung kombinierten. Bemerkenswert ist ein Befund, der zuvor kaum beachtet wurde: Ein erheblicher Teil der Emissionen entsteht nicht allein durch chemische Zersetzung am Boden, sondern schlicht dadurch, dass Wind das trockene Sediment aufnimmt und fortträgt. Nahezu ein Fünftel der berechneten Freisetzung geht laut der Analyse auf diese Verwehung zurück.
Milliardenwerte auf dem Papier
Um die Größenordnung greifbar zu machen, rechnen die Autorinnen und Autoren die vermiedenen Emissionen in Kohlenstoffzertifikate um. Ließe sich die Freisetzung von rund 605 Millionen Tonnen CO₂ verhindern, entspräche das nach ihren Angaben einem Gegenwert von grob 3,6 bis 18 Milliarden US-Dollar an handelbaren CO₂-Gutschriften. Die enorme Spanne verweist zugleich auf die Unsicherheit solcher Rechnungen: Der Preis für ein Zertifikat schwankt je nach Markt und Regelwerk erheblich, und ob sich Klimaschutz an einem austrocknenden See überhaupt sauber in Gutschriften übersetzen lässt, ist eine politische wie methodische Frage.
Dennoch verschiebt die Perspektive den Blick. Bislang wurde eine mögliche Teil-Wiederbefüllung – etwa des kleineren nördlichen Aralsees, der sich dank eines Staudamms bereits erholt hat – vor allem mit Fischerei, lokalem Klima und Gesundheit begründet. Kommt der Kohlenstoff als Argument hinzu, ließe sich Renaturierung auch als Beitrag zum globalen Klimaschutz einordnen. Fachleute betonen allerdings, dass Wasser in einer ohnehin trockenen, von Landwirtschaft geprägten Region eine knappe Ressource bleibt: Jeder Kubikmeter, der in den See fließt, fehlt möglicherweise auf dem Feld.
Ein Muster mit vielen Schauplätzen
Der Aralsee ist dabei kein Einzelfall, sondern ein besonders sichtbares Beispiel. Weltweit schrumpfen Salzseen – vom Großen Salzsee in Utah bis zu Gewässern im Nahen Osten und in Zentralasien –, und mit ihnen wächst die Fläche freiliegender, kohlenstoffhaltiger Sedimente. Die Untersuchung am Aralsee liefert vor allem eine methodische Blaupause, um diese oft übersehene Emissionsquelle zu erfassen. Für die Klimabilanz austrocknender Landschaften könnte das bedeuten, dass ein bislang blinder Fleck künftig genauer vermessen wird – auch wenn die eigentliche Ursache, der übermäßige Wasserverbrauch, damit noch nicht gelöst ist.
Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung aktueller Forschung und ersetzt keine wissenschaftliche Fachpublikation. Angegebene Zahlen beruhen auf den zitierten Studienschätzungen und sind mit entsprechenden Unsicherheiten behaftet.