Schaum statt Wasser: Warum die Löschmittelfrage vor dem Vegetationsbrand entschieden werden muss
Bei Wald- und Feldbränden ist Löschwasser oft die knappste Ressource. Zusätze können sie strecken – aber ihr Einsatz wirft Umweltfragen auf, die sich mitten im Einsatz nicht mehr klären lassen. Ein neues Merkblatt verschiebt die Entscheidung deshalb nach vorn.
Wenn in Deutschland ein Waldstück brennt, ist selten das Feuer das erste Problem, sondern der Weg zum Wasser. Anders als im städtischen Brandschutz, wo Hydrantennetze eine kalkulierbare Menge liefern, muss Löschwasser in Vegetationsgebieten herangefahren, gepumpt oder aus der Luft abgeworfen werden. Jeder Liter ist damit teuer erkauft – und genau das erklärt, warum Zusätze wie Netzmittel, Schaummittel und sogenannte Retardants in der Vegetationsbrandbekämpfung an Bedeutung gewinnen. Sie sollen dieselbe Wassermenge wirksamer machen.
Die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) hat gemeinsam mit europäischen Partnern im EU-Projekt TREEADS untersucht, unter welchen Bedingungen das tatsächlich funktioniert. Aus den Ergebnissen ist ein Merkblatt der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes (vfdb) zum Einsatz von Löschwasserzusätzen bei Vegetationsbränden hervorgegangen. Die wissenschaftlichen Befunde wurden Anfang 2026 in der Fachzeitschrift Fire and Materials veröffentlicht.
Fünf Feuer unter Beobachtung
Grundlage waren fünf großflächige Freilandversuche – in einem Kiefernwald in Sachsen-Anhalt und auf einer landwirtschaftlichen Fläche in Brandenburg. Solche kontrollierten Brandversuche sind in Deutschland selten, weil sie Genehmigungen, Sicherheitsabstände und erheblichen messtechnischen Aufwand erfordern. Ihr Wert liegt darin, dass sie Daten liefern, die sich aus realen Einsätzen kaum gewinnen lassen: Dort steht die Schadensabwehr im Vordergrund, nicht die Instrumentierung.
Der zentrale Befund ist zunächst ein sehr grundsätzlicher: Vegetationsbrand ist nicht gleich Vegetationsbrand. Im Kiefernbestand dominierten laut den Projektangaben langanhaltende Schwelbrände im Boden mit entsprechend starker Rauchentwicklung. Auf der Ackerfläche breitete sich das Feuer dagegen als schnelle, windgetriebene Flammenfront aus. Für die Einsatzführung sind das zwei verschiedene Lagen – die eine verlangt Ausdauer und Nachlöscharbeit über Stunden oder Tage, die andere Tempo und Riegelstellungen. Wer beide mit demselben Standardverfahren angeht, verschenkt in einem der Fälle Wirkung.
Die Entscheidung, die nicht in den Einsatz gehört
Bemerkenswert an der Handreichung ist weniger die Chemie als die Prozessempfehlung. Die Wahl der Löschmittelstrategie, so die Kernaussage, dürfe nicht erst während eines laufenden Einsatzes fallen. Anwendungsfälle, Umweltrisiken und örtliche Rahmenbedingungen seien vorab zu bewerten und in die Einsatzplanung einzubeziehen.
Dahinter steht ein Zielkonflikt, der sich unter Zeitdruck nicht auflösen lässt. Löschwasserzusätze verbessern die Benetzung und verlängern die Wirkung, können aber je nach Zusammensetzung in Böden und Gewässer gelangen. Ob ein Mittel in einem Wasserschutzgebiet, oberhalb eines Fischteichs oder in einem Moorrandbereich vertretbar ist, lässt sich in einer Lagebesprechung um drei Uhr morgens nicht seriös prüfen. Vorab, mit Karte und Fachbehörde, sehr wohl. Das Projekt testete nach eigenen Angaben unter anderem umweltverträglichere Zusätze auf Tensidbasis sowie zwei neu entwickelte Düsen für die Schaumausbringung.
Was daraus für Kommunen folgt
Für Feuerwehren – überwiegend freiwillige Einheiten – bedeutet das zusätzliche Vorarbeit: Flächen kategorisieren, Wasserentnahmestellen erfassen, Zusatzmittel-Freigaben mit Umwelt- und Wasserbehörden abstimmen. Das ist unspektakuläre Verwaltungsarbeit, und sie konkurriert mit allen anderen Aufgaben ehrenamtlicher Wehren.
Ein zweiter Strang des Projekts betrifft den Eigenschutz: Die Messdaten zur Rauchentwicklung sollen Aufschluss darüber geben, welchen Belastungen Einsatzkräfte bei Schwelbränden ausgesetzt sind – ein Thema, das im Vegetationsbrand lange hinter dem Innenangriff zurückstand. Zudem fließen die Daten in Simulationsmodelle ein, mit denen sich Brandverläufe künftig realistischer abschätzen lassen sollen.
Ob die Empfehlungen in der Fläche ankommen, ist damit nicht entschieden. Merkblätter sind keine Vorschriften. Sie wirken erst, wenn sie in Alarm- und Ausrückeordnungen, Beschaffungslisten und Übungspläne übersetzt werden – und das geschieht auf Ebene der Landkreise, nicht in Brüssel.
Redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Projekt- und Fachinformationen. Keine Rechts- oder Sicherheitsberatung; für den Einsatzfall gelten die Vorgaben der zuständigen Behörden.