Losverfahren statt Wahlurne: Was Bürgerräte wirklich bewirken
Zufällig ausgeloste Bürgerinnen und Bürger, die Empfehlungen zu Tempolimit oder Radwegen erarbeiten: Bürgerräte sind in deutschen Kommunen längst Routine geworden. Ein neues Forschungsvorhaben will nun klären, ob ihre Wirkung über den Sitzungssaal hinausreicht.
Wenn eine Kommune über ein Tempolimit, einen neuen Radweg oder die Zukunft eines Innenstadtplatzes streitet, greifen Verwaltungen zunehmend zu einem Format, das die klassische Ratssitzung ergänzen soll: dem Bürgerrat. Dabei werden Einwohnerinnen und Einwohner nach dem Zufallsprinzip ausgelost, tagen über mehrere Wochenenden, hören Fachleute an und legen am Ende Empfehlungen vor. Bindend sind diese Empfehlungen nicht – der gewählte Rat oder das Parlament entscheidet weiterhin selbst.
Nach Angaben des Fachverbands „Mehr Demokratie" wurden 2025 in Deutschland 58 solcher Gremien neu gestartet oder abgeschlossen. Das Verfahren hat damit die Phase des Experiments verlassen und ist in der kommunalen Praxis angekommen – ohne dass abschließend geklärt wäre, was es eigentlich bewirkt.
Die offene Frage: Wirkung über den Sitzungssaal hinaus
Dass Menschen, die selbst an einem Bürgerrat teilnehmen, danach oft zufriedener mit demokratischen Verfahren sind, gilt in der Beteiligungsforschung als vergleichsweise gut belegt. Wer tagelang mit Nachbarn, Fachleuten und Andersdenkenden an einem Tisch sitzt, erlebt politische Aushandlung von innen. Der Effekt ist plausibel – und aus Sicht der Kritik zugleich das Problem: Er betrifft eine winzige Minderheit. Ein Bürgerrat umfasst je nach Zuschnitt einige Dutzend Personen. In einer Gemeinde mit mehreren tausend Einwohnern bleibt der Rest außen vor.
Genau hier setzt ein Forschungsvorhaben an, das die VolkswagenStiftung mit rund 830.000 Euro fördert. Beteiligt sind Sebastian Ziaja vom GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, Antonia Carolin May vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung sowie die Berliner Initiative Offene Gesellschaft. Untersucht werden soll, ob und wie Bürgerräte in die lokale Öffentlichkeit ausstrahlen – ob also auch Menschen erreicht werden, die nie eine Einladung im Briefkasten hatten.
Netzwerkeffekte als Arbeitshypothese
Ein Vorgängerprojekt in der westfälischen Gemeinde Welver lieferte laut den Beteiligten in den Jahren 2024 und 2025 erste Hinweise auf sogenannte Netzwerkeffekte: Teilnehmende sprechen im Verein, am Gartenzaun oder in der Familie über das Erlebte, und die Erfahrung wandert über soziale Beziehungen weiter. Ob dieser Mechanismus tatsächlich messbar das Vertrauen in kommunale Institutionen verändert, ist damit allerdings noch nicht gezeigt – erste Hinweise sind kein Nachweis.
Im neuen Projekt sollen deshalb gemeinsam mit drei weiteren Gemeinden Bürgerräte eingerichtet und die Bevölkerung mehrfach befragt werden. Panelbefragungen, also wiederholte Interviews mit denselben Personen, erlauben es, Veränderungen über die Zeit zu verfolgen, statt nur eine Momentaufnahme zu erfassen.
Der wunde Punkt: Wer sitzt am Tisch?
Ein zweiter Schwerpunkt betrifft die Zusammensetzung. Auch ein Losverfahren garantiert keine Repräsentativität, wenn die Angeschriebenen unterschiedlich häufig zusagen. Wer beruflich flexibel ist, sich politisch ohnehin interessiert und sprachlich sicher fühlt, nimmt eher an. Menschen in Schichtarbeit, mit Pflegeaufgaben oder geringer formaler Bildung sind in solchen Gremien häufig unterrepräsentiert. Das Projekt will nach eigenen Angaben neue Wege der Rekrutierung erproben, um die Auswahl inklusiver zu gestalten.
Das ist mehr als eine methodische Feinheit. Wenn ein Bürgerrat seine Legitimation daraus zieht, ein verkleinertes Abbild der Bevölkerung zu sein, dann steht und fällt seine Autorität mit genau dieser Behauptung. Ein Gremium, in dem überwiegend die ohnehin Engagierten sitzen, unterscheidet sich in der Wirkung kaum von einem gut besuchten Bürgerforum.
Zwischen Aufwertung und Alibi
Kritische Stimmen wenden ein, dass unverbindliche Empfehlungen Erwartungen wecken, die dann enttäuscht werden – wenn ein Rat die Vorschläge folgenlos zur Kenntnis nimmt, kann das Vertrauen eher beschädigen als stärken. Befürworter halten dagegen, dass die OECD bereits 2020 in einem Bericht auf die Rolle deliberativer Verfahren für die Akzeptanz politischer Entscheidungen hingewiesen hat. Beide Seiten stützen sich bislang auf eine schmale empirische Basis, gerade auf kommunaler Ebene.
Das Mannheimer Vorhaben ist eines von elf transdisziplinären Projekten, die die VolkswagenStiftung zum Wandel von Demokratien fördert. Ergebnisse werden nicht kurzfristig vorliegen – Panelbefragungen brauchen Zeit. Für Kommunen, die derzeit über die Einführung eines Bürgerrats nachdenken, dürfte das dennoch relevant sein: Die Frage lautet nicht mehr, ob solche Gremien möglich sind, sondern unter welchen Bedingungen sie mehr sind als ein gut gemeintes Verfahren.
Redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen. Angaben zu Projektinhalten und Förderung beruhen auf Mitteilungen der beteiligten Einrichtungen.