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Kopf oder Bauch: Warum Menschen weltweit zuerst sich selbst vertrauen

Eine Untersuchung in zwölf Ländern hat gefragt, wie Menschen schwierige Entscheidungen am liebsten treffen. Das Ergebnis fällt über Kulturen hinweg erstaunlich ähnlich aus – und rüttelt an einer beliebten Managementidee.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Wer eine schwierige Entscheidung vor sich hat, kann verschiedene Wege gehen: in sich hineinhorchen, in Ruhe abwägen, Freunde um Rat fragen oder auf die Erfahrung vieler setzen. Eine breit angelegte Untersuchung hat nun geprüft, welchen dieser Wege Menschen bevorzugen – und ob sich Kulturen dabei stark unterscheiden. Die Antwort ist bemerkenswert eindeutig.

Vier Wege, eine Entscheidung

Die Studie, veröffentlicht im Fachjournal „Proceedings of the Royal Society B“, legte laut den Rechercheergebnissen 3.517 Teilnehmenden aus zwölf Ländern und dreizehn Sprachräumen sechs alltägliche Dilemmata vor. Beteiligt waren auch zwei indigene Gemeinschaften. Zur Wahl standen jeweils vier Strategien: die eigene Intuition, das private Nachdenken, der Rat von Freunden und die Weisheit der vielen.

Über alle Gesellschaften hinweg zeigte sich denselben Angaben zufolge dasselbe Grundmuster: Am häufigsten bevorzugten die Befragten die selbstständigen Wege – also Intuition oder eigenes Abwägen. Diese beiden galten den Teilnehmenden auch als die klügsten Optionen. Fremder Rat rangierte dahinter.

Ein überraschend einheitliches Muster

Am beliebtesten war das persönliche Nachdenken. Sein Anteil schwankte den Ergebnissen zufolge zwischen rund 37 Prozent bei Tamilen und Meitei in Indien und etwa 60 Prozent bei englischsprachigen Südafrikanern. Die Intuition folgte durchgängig auf dem zweiten Platz – von rund 23 Prozent bei Befragten aus China bis zu etwa 40 Prozent bei Teilnehmenden aus Kanada.

Bemerkenswert ist die Stabilität dieses Befunds. Zwischen sehr unterschiedlichen Kulturen – von individualistisch geprägten Gesellschaften bis zu stärker gemeinschaftlich orientierten – bleibt die Rangfolge im Kern gleich. Der weitverbreiteten Annahme, dass Menschen in „kollektivistischen“ Kulturen bei Entscheidungen zuerst auf die Gruppe schauen, widerspricht das zumindest in dieser Zuspitzung.

Wo die Kulturen sich doch unterscheiden

Ganz ohne Unterschiede kommt die Untersuchung nicht aus. Sie zeigten sich vor allem dort, wo die Befragten nicht über sich selbst, sondern über andere urteilen sollten. Bei der Frage, wie wohl ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger entscheiden, fielen die Antworten gemischter aus: Der Rat von Freunden wurde hier ähnlich häufig erwartet wie die selbstständigen Wege.

Darin steckt ein aufschlussreicher Widerspruch. Menschen trauen sich selbst offenbar mehr Eigenständigkeit zu, als sie ihren Mitmenschen unterstellen. Was man für sich selbst als klugen, souveränen Weg betrachtet, hält man beim anderen eher für beeinflusst vom sozialen Umfeld.

Was das für Führung und Alltag heißt

Für die Arbeitswelt ist der Befund nicht ohne Reiz. In vielen Trainings und Ratgebern gilt die Devise, Entscheidungen möglichst zu systematisieren, Bauchgefühle zu misstrauen und Prozesse zu formalisieren. Die Studie erinnert daran, dass das eigene Urteil – ob als schnelle Intuition oder als geduldiges Abwägen – für die meisten Menschen der erste und bevorzugte Bezugspunkt bleibt. Wer Beteiligung organisieren will, arbeitet also gegen eine tief verankerte Neigung zur Selbststeuerung an.

Zugleich taugt der Befund nicht als Freibrief fürs reine Bauchgefühl. Dass Menschen selbstständige Wege bevorzugen und für klug halten, heißt nicht, dass diese immer zu den besten Ergebnissen führen. Die Untersuchung beschreibt Vorlieben und Erwartungen, nicht die Trefferquote einzelner Strategien. Sie liefert damit weniger eine Handlungsanweisung als einen Spiegel: Sie zeigt, wie sehr das Vertrauen in das eigene Urteil zum menschlichen Grundprogramm gehört – über Sprachen und Kontinente hinweg.


Dieser Beitrag ordnet eine wissenschaftliche Veröffentlichung redaktionell ein und ersetzt keine individuelle Beratung. Die genannten Zahlen und Aussagen beruhen auf der zitierten Studie.