Erst das Bauchgefühl, dann der Verstand: Was der Streit um die Intuition für den Berufsalltag bedeutet
Weiterbildungsanbieter versprechen Führungskräften, das Entscheiden zu „systematisieren". Eine breit angelegte Studie legt nun nahe, dass Menschen quer durch die Kulturen zuerst ihrem eigenen Urteil vertrauen – ganz gleich, ob es aus dem Bauch oder aus dem Nachdenken kommt. Ein Blick auf einen alten Forschungsstreit.
Kaum ein Versprechen klingt in der Management-Weiterbildung so verlockend wie dieses: Wer nur die richtige Methode lernt, entscheidet endlich rationaler, planvoller, weniger aus dem Bauch heraus. Eine international angelegte Untersuchung, die laut Studienangaben Menschen in zwölf Ländern befragt hat, setzt dagegen einen bemerkenswerten Befund: Über alle untersuchten Kulturen hinweg neigen Menschen dazu, zunächst dem eigenen Urteil zu trauen – unabhängig davon, ob dieses Urteil auf einem schnellen Gefühl oder auf sorgfältigem Abwägen beruht. Nicht die Denkweise selbst, sondern das Vertrauen in die eigene Einschätzung steht demnach am Anfang vieler Entscheidungen.
Zwei Systeme, ein alter Streit
Der Befund berührt eine Debatte, die die Entscheidungsforschung seit Jahrzehnten begleitet. Vereinfacht gesagt beschreibt sie zwei Wege, zu einem Urteil zu kommen: einen schnellen, mühelosen, oft als „intuitiv" bezeichneten – und einen langsamen, anstrengenden, „deliberativen", der auf bewusstem Nachdenken beruht. Populär wurde diese Unterscheidung durch die Arbeiten von Daniel Kahneman, der vom „schnellen" und „langsamen" Denken sprach. In der Fachliteratur wird sie unter dem Stichwort der Zwei-Prozess-Theorien verhandelt.
Lange galt die Intuition dabei als der unterlegene Modus – als Quelle von Denkfehlern, Vorurteilen und teuren Fehlentscheidungen. Diese Sicht ist inzwischen differenzierter. Forschende wie Gary Klein haben gezeigt, dass geübte Fachleute – von der Feuerwehrfrau bis zum erfahrenen Arzt – in ihrem Gebiet erstaunlich treffsicher aus dem Bauch heraus urteilen, weil ihre Intuition auf jahrelang gesammelten Mustern beruht. Entscheidend ist also weniger, ob jemand intuitiv oder überlegt entscheidet, als in welcher Situation und mit wie viel Erfahrung.
Warum das Vertrauen den Ausschlag gibt
Genau hier wird der Studienbefund interessant. Dass Menschen dem eigenen Urteil den Vorzug geben, ist für sich genommen keine Schwäche – es ist die Voraussetzung, überhaupt handeln zu können. Problematisch wird es, wenn dieses Vertrauen nicht zur tatsächlichen Kompetenz passt: Wer sich in einem Feld sicher fühlt, in dem ihm die Erfahrung fehlt, überschätzt seine Intuition leicht. Umgekehrt kann übertriebenes Misstrauen gegenüber dem eigenen Gefühl dazu führen, dass Entscheidungen endlos zerredet werden, ohne dass die zusätzliche Analyse zu besseren Ergebnissen führt.
Dass dieses Muster sich über verschiedene Länder hinweg ähnelt, spricht dafür, dass es sich um einen grundlegenden Zug menschlicher Urteilsbildung handelt und nicht bloß um eine kulturelle Eigenheit. Zugleich mahnt es zur Vorsicht gegenüber Trainingsversprechen, die suggerieren, man könne das Bauchgefühl einfach abtrainieren. Die Forschung deutet eher darauf hin, dass beide Modi ihren Platz haben.
Was sich daraus für die Praxis ableiten lässt
Für den Berufsalltag ist die nüchternste Lesart womöglich die hilfreichste. Statt Intuition und Analyse gegeneinander auszuspielen, lohnt die Frage, welcher Modus zu welcher Situation passt. Bei wiederkehrenden Entscheidungen in einem vertrauten Feld kann geübte Intuition schnell und verlässlich sein. Bei neuartigen, folgenreichen oder schlecht überschaubaren Fragen hilft es, das erste Gefühl bewusst zu prüfen – etwa, indem man Gegenargumente sucht, Zahlen hinzuzieht oder eine zweite Meinung einholt.
Die eigentliche Kompetenz liegt demnach nicht darin, immer rational oder immer intuitiv zu sein, sondern zu erkennen, wann das eigene Urteil belastbar ist und wann nicht. Insofern hat die Weiterbildungsbranche nicht ganz unrecht, wenn sie am Entscheiden ansetzt – nur führt der Weg wohl weniger über das Ausschalten des Bauchgefühls als über einen ehrlicheren Umgang mit den Grenzen des eigenen Wissens.
Dieser Beitrag ordnet einen aktuellen Forschungs- und Weiterbildungstrend redaktionell ein und ersetzt keine fachliche oder psychologische Beratung.