News

Gemeinsam statt allein im Bunker: Warum Krisenvorsorge zum Gruppenerlebnis wird

Ein mehrtägiges Camp mit hunderten Teilnehmern, das Erste Hilfe, Selbstversorgung und Gespräche über den Weltuntergang mischt: Die Vorsorge für den Ernstfall verlässt die Nische der einsamen Prepper – und wird zum sozialen Ereignis. Eine Einordnung.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Das Bild des Krisenvorsorgers ist in Deutschland fest umrissen: ein Einzelgänger, der Konservendosen im Keller stapelt und dem Rest der Welt misstraut. Doch neben diesem Klischee wächst seit einigen Jahren eine ganz andere Spielart der Vorbereitung heran – eine, die nicht auf Abschottung setzt, sondern auf Gemeinschaft. Sinnbild dafür sind mehrtägige Camps, auf denen sich nach Angaben der Veranstalter bis zu tausend Menschen versammeln, um sich gemeinsam auf mögliche Krisen einzustellen. Für Anfang August ist ein solches Treffen in Nordbrandenburg angekündigt.

Ein Camp gegen das Ohnmachtsgefühl

Der Zulauf zu solchen Veranstaltungen lässt sich schwer verstehen, ohne die Stimmung mitzudenken, aus der sie entstehen. Klimawandel, Kriege, Pandemieerfahrung, Sorge vor Blackouts: Viele Menschen tragen ein diffuses Gefühl mit sich, dass die gewohnte Stabilität brüchiger geworden ist. Die klassische Reaktion darauf ist privat – der Vorrat im Schrank, die Powerbank in der Schublade. Die Camp-Bewegung dreht diesen Impuls ins Kollektive: Wer sich fürchtet, tut das hier nicht allein, sondern in der Gruppe.

Bemerkenswert ist, dass das Programm laut den Ankündigungen gerade nicht nur aus Überlebenstechnik besteht. Neben praktischen Fertigkeiten stehen ausdrücklich auch der Umgang mit Angst und Trauer sowie Übungen zur Gruppendynamik auf dem Plan. Die Vorsorge wird damit zu einer emotionalen ebenso wie zu einer technischen Angelegenheit.

Zwischen Erster Hilfe und Trauerarbeit

Wirft man einen Blick auf die Themenlisten solcher Treffen, fällt die Bandbreite auf. Da geht es um Erste Hilfe, Funkkommunikation, das Haltbarmachen von Lebensmitteln, um Fragen der Energie- und Nahrungsversorgung – handfeste Fähigkeiten, die man mit dem Prepper-Milieu ohnehin verbindet. Daneben aber finden sich Workshops über planetare Belastungsgrenzen, Deeskalation oder das Aushalten schlechter Nachrichten.

Genau diese Mischung unterscheidet die neue Vorsorge-Kultur vom alten Bunker-Denken. Es geht weniger darum, sich gegen die Nachbarn zu wappnen, als darum, im Ernstfall handlungsfähig und ansprechbar zu bleiben. Kritiker mögen einwenden, dass fünf Tage Camp keine funktionierende Notversorgung ersetzen. Befürworter halten dagegen, dass gerade das gemeinsame Üben Panik vorbeugt – und dass eingespielte Netzwerke im Krisenfall mehr wert sind als jeder Einzelvorrat.

Vorsorge verliert ihren Rand

Dass sich für ein solches Angebot überhaupt so viele Menschen interessieren, verweist auf eine breitere Verschiebung. Notfallvorsorge war lange entweder Behördensache oder ein Hobby am gesellschaftlichen Rand. Inzwischen empfehlen offizielle Stellen wieder Vorräte für mehrere Tage, Ratgeber zum Thema finden ein Massenpublikum, und die Grenze zwischen vernünftiger Vorsicht und ideologisch aufgeladenem Prepping verschwimmt.

Die Camps sind ein sichtbarer Ausdruck dieser Normalisierung. Sie ziehen ein Publikum an, das sich selbst kaum als "Prepper" bezeichnen würde – Menschen, die weniger den großen Zusammenbruch fürchten als das Gefühl, ihm hilflos ausgeliefert zu sein. Vorsorge wird für sie zu einer Form der Selbstwirksamkeit: etwas tun, statt nur zu sorgen.

Ein Trend mit offenen Fragen

Ob aus diesen Treffen dauerhafte Strukturen erwachsen oder ob sie vor allem ein Ventil für ein Krisengefühl sind, lässt sich heute nicht sagen. Auch die Frage, wie viel realistische Vorbereitung und wie viel Gemeinschaftserlebnis in solchen Camps steckt, bleibt offen. Unstrittig ist nur, dass das Thema Vorsorge seinen Nischenstatus verloren hat – und dass es zunehmend nicht mehr im stillen Keller, sondern auf der Wiese in der Gruppe verhandelt wird.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines gesellschaftlichen Trends und keine Bewertung einzelner Veranstalter oder Teilnehmer.