Frühjahrsbalz statt Herbst-Rendezvous: Was neue Fledermausdaten über flexible Fortpflanzung verraten
Bislang galt der Herbst als die entscheidende Paarungszeit heimischer Fledermäuse. Eine Untersuchung aus Nordostdeutschland deutet nun darauf hin, dass auch nach dem Winterschlaf noch Fortpflanzung stattfindet – mit Folgen für den Waldschutz.
Wann sich heimische Fledermäuse fortpflanzen, klang in Lehrbüchern lange nach einer festen Verabredung: Der Herbst, kurz vor dem Winterschlaf, galt als die Zeit der Paarung. Eine neue Auswertung von Tieren aus Nordostdeutschland stellt dieses Bild in Frage – und rückt damit einen unscheinbaren, aber ökologisch wichtigen Waldbewohner in den Blick: den Großen Abendsegler, eine unserer größten heimischen Fledermausarten.
Ein zweites Zeitfenster für die Paarung
Für die Untersuchung, die im Rahmen einer Masterarbeit an der Universität Greifswald entstand und in der Fachzeitschrift Mammalian Biology erschienen ist, wurden mehrere hundert Tiere an vier Standorten begutachtet – bei Havelberg in Sachsen-Anhalt, bei Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern sowie an zwei Stellen in Brandenburg. Gemeinsam ist diesen Orten, dass es sich um alte, strukturreiche Wälder mit Baumhöhlen und ergänzenden Fledermauskästen handelt.
Den Forschenden zufolge liefern die Daten mehrere voneinander unabhängige Hinweise darauf, dass auch im Frühjahr noch Fortpflanzungsprozesse ablaufen. Damit wäre die Paarung im Herbst nicht der einzige relevante Zeitraum. Das Verhalten sei, so die zentrale Aussage der Studie, deutlich flexibler als bislang angenommen. Für eine Tiergruppe, deren Lebensweise vielerorts nur bruchstückhaft dokumentiert ist, ist das mehr als eine biologische Randnotiz.
Woran sich Aktivität ablesen lässt
Belege für ein solches zweites Zeitfenster lassen sich bei Wildtieren nicht direkt beobachten, sondern nur indirekt erschließen. Das Team stützte sich daher auf eine Kombination von Merkmalen: Reproduktionsorgane, hormonelle Signale und zellbiologische Proben. Bei vielen Männchen waren im Frühjahr noch Spermien in den Nebenhoden nachweisbar. Zugleich zeigten beide Geschlechter vergrößerte Wangendrüsen, die in der Paarungszeit eine Rolle in der Kommunikation spielen.
Auch bei den Weibchen fanden sich Anhaltspunkte: In Proben wurden Spermien nachgewiesen, obwohl sich viele Tiere im März noch nicht in der Phase des Eisprungs befanden. Die Kombination dieser Befunde sei mit aktiven Paarungen nach dem Winterschlaf vereinbar, erläutern die beteiligten Zoologinnen und Zoologen. Eine mögliche Deutung: Das Frühjahr könnte eine Art „letzte Chance“ darstellen, falls es im Herbst nicht zu einer erfolgreichen Paarung kam – oder rangniedrigeren Männchen eine Gelegenheit bieten, die sie zuvor verpasst haben. Endgültig bewiesen ist der Mechanismus damit nicht; die Studie formuliert bewusst in Hinweisen und Wahrscheinlichkeiten.
Warum alte Wälder der eigentliche Schlüssel sind
Über die reine Biologie hinaus hat der Befund eine naturschutzpolitische Dimension. Wenn Fortpflanzung nicht nur im Herbst, sondern über einen längeren Zeitraum stattfindet, wächst die Bedeutung jener Lebensräume, die dafür die Voraussetzungen bieten. Alte, höhlenreiche Wälder liefern nicht nur Quartiere für den Winterschlaf, sondern auch die Strukturen, die Tiere zur Paarung und Aufzucht brauchen.
Fledermauskästen, wie sie ehrenamtliche Schützer vielerorts betreuen, können natürliche Baumhöhlen ergänzen – ein vollständiges Waldökosystem ersetzen sie nicht. Geht dieser Lebensraum verloren, verlieren die Tiere mehr als nur einen Schlafplatz. Diese Einordnung deckt sich mit einer seit Jahren geführten Debatte im Naturschutz, in der der Erhalt von Alt- und Totholzbeständen als Schlüsselfaktor für die Artenvielfalt gilt.
Anpassungsfähigkeit in Zeiten des Klimawandels
Interessant ist der Befund auch mit Blick auf klimatische Veränderungen. Ein flexiblerer Fortpflanzungszyklus könnte Arten helfen, mit verschobenen Jahreszeiten und unregelmäßigen Wintern zurechtzukommen. Zugleich betonen die Beteiligten, dass Anpassungsfähigkeit stabile Lebensräume nicht ersetzt: Schutzmaßnahmen greifen nur dann gezielt, wenn bekannt ist, wann und wo Fortpflanzung tatsächlich stattfindet. Insofern ist die Studie weniger eine Sensationsmeldung als ein Baustein – einer, der zeigt, wie viel über selbst gut untersuchte heimische Arten noch zu lernen bleibt.
Redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen. Dieser Beitrag gibt den Stand der genannten Untersuchung wieder und stellt keine abschließende wissenschaftliche Bewertung dar.
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