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Wie schmeckt Mut? Was hinter dem Phänomen Synästhesie steckt

Ein neues Kinderbuch lässt Gefühle einen Geschmack bekommen – und trifft damit einen realen Verwandten in der Hirnforschung. Über Synästhesie, ihre Häufigkeit und das, was dabei im Gehirn geschieht.

Von Anton · · 3 Min. Lesezeit

„Wie schmeckt Mut? Welche Farbe hat Freude?“ Mit solchen Fragen wirbt gerade ein neues deutsches Kinderbuch, in dem Gefühle plötzlich einen Geschmack bekommen. Was in der Literatur als poetisches Bild funktioniert, hat einen realen Verwandten in der Hirnforschung: die Synästhesie. Für einen kleinen Teil der Menschen ist die Vermischung der Sinne keine Metapher, sondern Alltag – Buchstaben tragen Farben, Töne haben Formen, und manchmal ist eine Zahl untrennbar mit einem bestimmten Farbton verbunden. Der Bucherfolg ist ein guter Anlass, das Phänomen von der Dichtung zu trennen.

Wenn Sinne zusammenfallen

Als Synästhesie bezeichnet die Forschung eine Wahrnehmung, bei der ein Reiz automatisch und unwillkürlich einen zweiten, eigentlich nicht zugehörigen Sinneseindruck auslöst. Wer ein Schriftzeichen sieht, nimmt zugleich eine Farbe wahr; wer Musik hört, sieht womöglich Muster. Entscheidend ist, dass diese Kopplungen nicht bewusst herbeigeführt werden und über die Jahre erstaunlich stabil bleiben: Ein bestimmtes A ist für eine betroffene Person vielleicht seit der Kindheit rot – und bleibt es. Damit unterscheidet sich echte Synästhesie von bloßen Assoziationen oder sprachlichen Bildern, die jeder von uns kennt.

Die mit Abstand häufigste Ausprägung ist die Graphem-Farb-Synästhesie, bei der Buchstaben oder Ziffern feste Farbeindrücke tragen. Daneben gibt es zahlreiche weitere Spielarten, von Ton-Farb-Kopplungen bis zu den selteneren Formen, bei denen etwa Wörter tatsächlich Geschmäcker hervorrufen. Genau dieser Typ liefert das Bild, mit dem das eingangs erwähnte Kinderbuch spielt – wobei die literarische Version die Ausnahme zur poetischen Regel macht.

Wie häufig ist das Phänomen?

Über die Verbreitung gab es lange sehr unterschiedliche Angaben. In den 1990er-Jahren rechnete man noch mit Größenordnungen von etwa einem Fall unter tausend bis zweitausend Menschen. Neuere Untersuchungen mit strengeren, objektiven Messkriterien kommen zu deutlich höheren Werten: Häufig genannt werden rund zwei Prozent der Bevölkerung, Forschende der Universität Edinburgh haben sogar Hochrechnungen von etwa vier Prozent vorgelegt. Die Spanne zeigt, wie sehr das Ergebnis davon abhängt, wie streng man Synästhesie definiert und misst.

Wichtig ist die Einordnung: Synästhesie gilt nicht als Krankheit und nicht als Störung, sondern als eine Variante der Wahrnehmung. Viele Betroffene erleben sie als bereichernd, etwa als Gedächtnisstütze, wenn Namen oder Zahlen ein farbliches Etikett tragen. Sie ist zudem oft angeboren und tritt familiär gehäuft auf.

Was im Gehirn passiert

Die naheliegende Frage lautet, ob solche Menschen die Farbe wirklich „sehen“ oder sie sich nur einbilden. Bildgebende Studien deuten darauf hin, dass tatsächlich etwas geschieht: Bei Graphem-Farb-Synästheten werden beim Betrachten von Buchstaben und Ziffern jene Hirnareale mitaktiviert, die sonst für die Farbverarbeitung zuständig sind. Untersuchungen fanden bei Betroffenen außerdem Hinweise auf stärker ausgeprägte Verbindungen und im linken Scheitellappen ein Plus an grauer Substanz – ein Bereich, der unter anderem dabei hilft, verschiedene Sinneseindrücke zu einem Gesamtbild zu verknüpfen. Eine abschließende Erklärung für alle Formen der Synästhesie steht laut Fachleuten noch aus; die Forschung konzentrierte sich bislang vor allem auf die Farbvarianten.

Was bleibt, ist ein Phänomen an der Schnittstelle von Neurologie und Kunst. Dass ausgerechnet ein Kinderbuch die Vermischung der Sinne populär macht, ist dabei kein Zufall: Kaum ein Bild beschreibt kindliche Wahrnehmung treffender als die Vorstellung, dass Mut einen Geschmack und Freude eine Farbe haben könnte. Die Wissenschaft erinnert nur daran, dass es Menschen gibt, für die das kein Bild ist.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines wissenschaftlichen Phänomens und ersetzt keine medizinische oder psychologische Beratung.