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Ein 240-Millionen-Schiff für den Fisch: Warum Deutschland seine Forschungsflotte erneuert

In Stralsund entsteht der Nachfolger der über 30 Jahre alten „Walther Herwig III" – ein 90 Meter langes Forschungsschiff für die Fischerei. Der Bau lenkt den Blick auf eine unscheinbare, aber folgenreiche Aufgabe: das Vermessen der Meere, von dem Fangquoten und Naturschutz abhängen.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

An der Volkswerft in Stralsund nimmt derzeit ein Schiff Gestalt an, das kaum je Schlagzeilen machen wird und doch für die deutsche Fischereipolitik von erheblicher Bedeutung ist. Gebaut wird der Ersatz für die „Walther Herwig III", das größte Fischereiforschungsschiff der Bundesrepublik, das nach mehr als drei Jahrzehnten im Dienst an seine Grenzen stößt. Mitte Juli 2026 traf in Stralsund die zweite Rumpfsektion des Neubaus ein – ein sichtbarer Fortschritt in einem Projekt, das exemplarisch zeigt, wie aufwendig und langfristig die Erneuerung staatlicher Forschungsinfrastruktur ist.

Ein schwimmendes Labor für die Meere

Fischereiforschungsschiffe sind keine Fangschiffe im gewöhnlichen Sinn. Sie dienen dazu, den Zustand der Fischbestände zu erfassen, Wasserproben zu nehmen, Meeresströmungen und Lebensräume zu vermessen. Die Daten, die dabei entstehen, bilden die wissenschaftliche Grundlage für Entscheidungen, die weit über die Wissenschaft hinausreichen: Auf ihnen beruhen unter anderem die jährlich in der Europäischen Union ausgehandelten Fangquoten. Wie viele Heringe oder Dorsche gefangen werden dürfen, hängt letztlich davon ab, was Forschungsschiffe wie die „Walther Herwig" zuvor auf See ermittelt haben.

Der Neubau soll diese Arbeit den drei meereskundlichen Instituten des Thünen-Instituts ermöglichen – dem Institut für Seefischerei und dem Institut für Fischereiökologie in Bremerhaven sowie dem Institut für Ostseefischerei in Rostock. Für sie ist das Schiff Arbeitsplatz, Labor und Beobachtungsplattform zugleich.

Technik gegen den Unterwasserlärm

Auffällig ist, wie stark das Projekt auf Umwelt- und Klimaanforderungen ausgerichtet ist. Das rund 90 Meter lange Schiff soll besonders leise fahren, um die Tiere, die es erforscht, nicht durch Motorenlärm zu verscheuchen – ein Faktor, der Messergebnisse verfälschen kann. Nach den vorliegenden Projektangaben ist der Antrieb so ausgelegt, dass er sich auf „grünes" Methanol umstellen und damit klimaneutral betreiben lässt. Neben einem Hangar für hydrografische Geräte verfügt der Neubau über einen großen zentralen Hangar sowie mehrere Fangstromwinden, die einen raschen Wechsel zwischen verschiedenen Fangmethoden erlauben.

Der Kiel wurde nach Angaben des Thünen-Instituts im Dezember 2024 im litauischen Klaipėda gelegt; die endgültige Ausrüstung erfolgt ab 2026 in Stralsund. Die Kosten werden auf rund 240 Millionen Euro beziffert, die Ablieferung ist für Oktober 2027 geplant. Damit reiht sich das Vorhaben in eine Serie von Neubauten ein, mit denen Deutschland seine über Jahrzehnte gewachsene Forschungsflotte Schritt für Schritt modernisiert.

Warum sich der Aufwand rechnet

Dass ein einzelnes Schiff einen dreistelligen Millionenbetrag kostet, wirkt auf den ersten Blick hoch. Doch Forschungsschiffe sind über Jahrzehnte im Einsatz, und die Fehlkalkulation von Fischbeständen kann ungleich teurer werden – für die Umwelt ebenso wie für eine ganze Branche, die auf verlässliche Bestandsdaten angewiesen ist. Ein überfischter Bestand erholt sich oft nur langsam, mit spürbaren Folgen für Fischer und Küstenregionen.

Der Standort Stralsund verleiht dem Projekt zudem eine wirtschaftspolitische Nebenbedeutung. Die Volkswerft, deren Zukunft lange ungewiss war, erhält mit dem Auftrag ein Stück maritime Perspektive. So verbindet der Neubau der „Walther Herwig" zwei Anliegen, die selten zusammenfallen: die nüchterne Vermessung der Meere und den Erhalt industrieller Fähigkeiten an der deutschen Küste.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung auf Grundlage öffentlich zugänglicher Angaben. Technische Details und Zeitpläne von Großprojekten können sich im Verlauf ändern.