Die rote Mirabelle, die keine ist: Warum die Kirschpflaume als Wildobst unterschätzt wird
In diesem Sommer hängen viele Bäume voller kleiner roter und gelber Früchte – und trotzdem bleibt das meiste davon liegen. Die Kirschpflaume gilt vielen als Straßenbaum ohne Nutzen. Dabei ist sie ein Wildobst mit eigener Geschichte, das gerade neu entdeckt wird.
Ein Küchentrend als Aufhänger
Wenn im Hochsommer die kleinen Früchte an Hecken und Straßenrändern reifen, greifen die wenigsten zu. Eine Rezepteentwicklerin für Wildkräuter wirbt derzeit laut einer Mitteilung dafür, die reichlich vorhandenen Kirschpflaumen nicht länger zu ignorieren, sondern in der Küche zu verwenden. Der werbliche Anlass ist klein, das dahinterliegende Thema aber überraschend groß: Ein Wildobst, das fast überall wächst, ist den meisten Menschen kaum noch bekannt.
Dass in diesem Jahr besonders viele Früchte hängen, ist kein Zufall. Ob ein Baum trägt, hängt stark von Blühzeitpunkt und Wetter im Frühjahr ab – ein später Frost kann eine ganze Ernte kosten, ein milder Start dagegen für volle Zweige sorgen. Wo die Kirschpflaume blühen durfte, ist die Ausbeute entsprechend üppig.
Kirsche im Namen, Pflaume im Charakter
Botanisch heißt die Kirschpflaume Prunus cerasifera und trägt den älteren Namen Myrobalane. Sie gehört zu den Rosengewächsen und steht damit in der Verwandtschaft von Pflaume, Kirsche und Aprikose. Ihre Früchte werden je nach Standort rund drei bis vier Zentimeter groß – für ein Wildobst beachtlich – und sind damit eher der Pflaume als der Kirsche zuzuordnen, auch wenn der Name anderes vermuten lässt. Die Farben reichen von Gelb über Orange bis zu kräftigem Rot.
Verbreitet ist die Art vor allem als pflegeleichtes Gehölz: als Hecke, im Straßenbegleitgrün und – in ihrer rotlaubigen Zuchtform, der Blutpflaume – als Zierbaum in Vorgärten. Dass die Früchte essbar sind, wissen viele Besitzer solcher Bäume gar nicht.
Nicht zu verwechseln mit der echten Mirabelle
Immer wieder werden rote Exemplare als „rote Mirabellen“ verkauft oder bezeichnet. Das ist streng genommen falsch: Echte Mirabellen sind stets gelb, höchstens mit roter Zeichnung. Wo eine Frucht durch und durch rot ist, handelt es sich in aller Regel um eine Kirschpflaume. Auch sonst gibt es Unterschiede. Der Kern löst sich bei der Kirschpflaume schlechter vom Fruchtfleisch, was das Entsteinen mühsam macht. Die Blätter fühlen sich zarter, fast papierartig an, während die der Mirabelle derber sind. Und geschmacklich ist die Kirschpflaume meist säuerlicher und weniger aromatisch als ihre kultivierte Verwandte.
Vom Wegesrand auf den Teller
Genau diese Säure macht sie für die Verarbeitung interessant. Zu Marmelade, Kompott, Chutney oder Fruchtsauce gekocht, entfaltet die Kirschpflaume ein eigenständiges Aroma, das gekaufte Ware selten bietet. Weil sie früh reift, oft schon im Juli, liefert sie zudem den ersten Nachschub der Obstsaison, lange bevor Zwetschgen oder Äpfel so weit sind. Der Aufwand liegt beim Entsteinen: Da der Kern festsitzt, kochen viele die Früchte lieber ganz und passieren das Mus anschließend durch ein Sieb.
Auch ökologisch hat der Baum einen Wert, der über die Frucht hinausgeht. Seine sehr frühe Blüte gehört zu den ersten Nahrungsquellen für Bienen und andere Insekten im Jahr – ein Grund, warum die Art in naturnahen Hecken gern gepflanzt wird.
Warum so viel ungenutzt bleibt
Dass die Ernte trotzdem meist am Boden endet, hat mehrere Gründe: Unkenntnis über die Essbarkeit, die Angst vor Verwechslung und der Aufwand der Verarbeitung. Wer sammeln möchte, sollte einige Regeln beachten. Früchte von Bäumen an stark befahrenen Straßen sind wegen möglicher Schadstoffbelastung weniger geeignet, und wie bei allem Wildobst gilt, nur zu ernten, was sicher bestimmt ist. Beim Fruchtfleisch der reifen Kirschpflaume ist das unkritisch – die Kerne von Steinobst sollten dagegen, wie allgemein bekannt, nicht in Mengen verzehrt werden.
Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines saisonalen Themas und keine Ernährungsberatung. Beim Sammeln von Wildobst gilt: nur verzehren, was sicher bestimmt ist.