Der See als Klimakippschalter: Was das trockene Aralbecken über Kohlenstoff verrät
Als der Aralsee schrumpfte, wurde aus einem Kohlenstoffspeicher eine Kohlenstoffquelle. Eine neue Studie beziffert erstmals, wie viel Kohlendioxid die freigelegten Sedimente abgegeben haben – und wie viel eine Wiederflutung noch im Boden halten könnte.
Der Aralsee gilt seit Jahrzehnten als Lehrbuchbeispiel für eine menschengemachte Umweltkatastrophe. Seit den 1960er-Jahren leiteten sowjetische Bewässerungsprojekte die Zuflüsse Amudarja und Syrdarja großflächig auf Baumwollfelder um; der einst viertgrößte Binnensee der Erde verlor den Großteil seines Wassers. Was blieb, sind Salzwüsten, gestrandete Schiffsrümpfe und eine Region mit erheblichen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgeschäden. Eine Dimension dieser Katastrophe wurde bislang jedoch kaum vermessen: die Klimabilanz des trockengefallenen Seebodens.
Vom Speicher zur Quelle
Seen und Binnenmeere sind im globalen Kohlenstoffkreislauf mehr als Wasserflächen. Über lange Zeiträume sinkt organisches Material – abgestorbene Algen, Pflanzenreste, eingetragener Bodenkohlenstoff – zu Boden und lagert sich im Sediment ab. Unter Wasser, weitgehend ohne Sauerstoff, wird dieses Material nur langsam abgebaut. Der Kohlenstoff bleibt gebunden, teils über Jahrhunderte.
Fällt ein See trocken, kehrt sich dieser Mechanismus um. Das Sediment kommt mit Luft in Kontakt, Mikroorganismen zersetzen das organische Material deutlich schneller, und der gespeicherte Kohlenstoff entweicht als Kohlendioxid in die Atmosphäre. Aus der Senke wird eine Quelle – nicht schlagartig, sondern über Jahrzehnte hinweg.
Eine Zahl für ein bekanntes Problem
Wie groß dieser Effekt im Fall des Aralsees ausfällt, hat eine Untersuchung des Centre for Advanced Studies of Blanes (CEAB-CSIC) gemeinsam mit dem Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) berechnet. Den Ergebnissen zufolge haben die freigelegten Sedimente seit 1960 rund 748 Megatonnen Kohlendioxid abgegeben. Zum Einordnen: Das entspricht ungefähr der Größenordnung eines vollständigen Jahresausstoßes eines mittelgroßen Industriestaats.
Bemerkenswert ist die zweite Zahl der Arbeit. Ein erheblicher Teil des Kohlenstoffs liegt demnach noch immer im ehemaligen Seebett und ist bislang nicht freigesetzt worden. Eine erneute Überflutung könnte laut der Studie die Emission von weiteren rund 605 Megatonnen Kohlendioxid verhindern, indem sie die Sedimente wieder unter Wasser und damit unter Sauerstoffabschluss bringt.
Kein Argument für einfache Lösungen
Diese Rechnung sollte man nicht als fertigen Handlungsvorschlag lesen. Eine Wiederflutung des gesamten Aralbeckens ist wasserwirtschaftlich, politisch und finanziell außerordentlich voraussetzungsvoll: Sie würde Wasser erfordern, das derzeit in der Landwirtschaft mehrerer zentralasiatischer Staaten gebunden ist, und berührt damit Verteilungsfragen zwischen Anrainern. Teilerfolge existieren – der nördliche Kleine Aralsee konnte nach dem Bau eines Damms in Kasachstan wieder nennenswert Wasser halten –, doch sie lassen sich nicht ohne Weiteres auf das gesamte, weit größere Südbecken übertragen.
Der eigentliche Wert solcher Berechnungen liegt woanders. Bislang tauchen austrocknende Binnengewässer in Klimabilanzen kaum als eigenständiger Emissionsposten auf. Der Aralsee ist zwar der spektakulärste Fall, aber kein Einzelfall: Auch der Urmiasee im Iran, der Tschadsee, das Große Salzseebecken in Utah und zahlreiche kleinere Gewässer verlieren durch Wasserentnahme und veränderte Niederschläge an Fläche. Wenn die Aral-Zahlen auch nur annähernd übertragbar sind, entsteht dort eine Emissionsquelle, die in den gängigen Bilanzierungen schlicht fehlt.
Was sich daraus mitnehmen lässt
Für die Klimaforschung ist der Befund vor allem ein methodischer Hinweis: Wasserwirtschaftliche Entscheidungen sind auch Klimaentscheidungen, und zwar in beide Richtungen. Wer einem See Zuflüsse entzieht, verändert nicht nur die regionale Ökologie, sondern setzt langfristig Kohlenstoff frei, der seit Jahrhunderten gebunden war. Umgekehrt kann das Wiederherstellen von Wasserständen einen Klimaeffekt haben, der bei der Bewertung solcher Projekte bisher selten mitgerechnet wird.
Das gilt im Kleinen auch näher an Mitteleuropa. Trockengelegte Moore, abgesenkte Grundwasserstände und schrumpfende Auen folgen derselben Logik: Solange der Boden nass bleibt, hält er Kohlenstoff. Trocknet er aus, gibt er ihn ab. Der Aralsee ist dafür das größte, sichtbarste und teuerste Anschauungsobjekt.
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