News

Der Chef ist Schüler: Warum Unternehmergeist immer früher auf den Stundenplan rückt

In einer Projektwoche coacht ein 18-jähriger Schüler Gleichaltrige beim Gründen. Der Einzelfall steht für einen größeren Trend: Unternehmerisches Denken zieht in die Schulen ein – begleitet von wachsender Beteiligung und einer offenen Debatte über Sinn und Grenzen.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

In einer aktuellen Projektwoche an einer Schule im rheinischen Bergheim übernimmt ein 18-jähriger Schüler die Rolle des Mentors und bringt Mitschülerinnen und Mitschülern bei, wie man aus einer Idee ein kleines Geschäft macht. Was als lokale Meldung daherkommt, ist Teil einer bundesweiten Bewegung: Unternehmerisches Denken rückt immer früher auf den Stundenplan. Schülerfirmen, Gründerwettbewerbe und Projektwochen zum Thema Selbstständigkeit verbreiten sich – und mit ihnen die Frage, was Schule leisten soll und wo ihre Aufgabe endet.

Aus dem Klassenzimmer in den Markt

Die Idee ist nicht neu, gewinnt aber an Breite. In einer Schülerfirma gründen Jugendliche ein kleines Unternehmen im geschützten Rahmen der Schule: Sie entwickeln ein Produkt oder eine Dienstleistung, kalkulieren Preise, führen Buch und teilen Aufgaben auf. Manches bleibt beim Verkauf selbstgemachter Waren, anderes reicht bis zu digitalen Angeboten. Der Reiz liegt darin, dass abstrakte Begriffe wie Kalkulation, Marketing oder Haftung plötzlich an einem echten Vorhaben hängen. Wer erlebt, dass ein zu niedrig angesetzter Preis am Monatsende Verlust bedeutet, versteht Betriebswirtschaft anders als aus dem Lehrbuch.

Eine wachsende, aber ungleiche Landschaft

Dass das Thema Fahrt aufnimmt, lässt sich an Zahlen ablesen. Netzwerke, die Entrepreneurship an Schulen bringen, berichten von deutlich steigender Beteiligung; beim Initiativkreis „Gründung in school" etwa nahmen laut den beteiligten Organisationen in den vergangenen zwei Jahren rund die Hälfte mehr Schülerinnen und Schüler teil. Bildungsprogramme wie NFTE erreichen nach eigenen Angaben Zehntausende Jugendliche in einem Großteil der Bundesländer. Zugleich bleibt das Bild uneinheitlich: In manchen Ländern ist unternehmerische Bildung fest im Lehrplan verankert – in Sachsen etwa als eigenes Profil an Gymnasien –, in anderen hängt sie am Engagement einzelner Lehrkräfte und externer Partner. Von einer flächendeckenden Verankerung ist Deutschland weit entfernt.

Mehr als Nachwuchs für die Wirtschaft

Befürworter argumentieren, es gehe nicht darum, aus jedem Kind einen Gründer zu machen. Der eigentliche Gewinn liege in übertragbaren Fähigkeiten: Probleme lösen, im Team arbeiten, Verantwortung übernehmen, mit Rückschlägen umgehen. Diese Kompetenzen nützen unabhängig davon, ob jemand später ein Unternehmen führt, angestellt arbeitet oder einen Verein organisiert. Hinzu kommt ein wirtschaftspolitisches Motiv: Angesichts von Fachkräftemangel und einer im internationalen Vergleich zurückhaltenden Gründungskultur sehen viele in der frühen Förderung unternehmerischen Denkens einen Hebel, der sich erst über Jahre auszahlt.

Wo die Kritik ansetzt

Der Trend hat auch Gegenstimmen. Kritiker warnen davor, Schule zu stark an ökonomischer Verwertbarkeit auszurichten, und fragen, ob Bildung Menschen auf den Markt vorbereiten oder umfassender bilden soll. Ein weiterer Einwand betrifft die Nähe zu Sponsoren: Wenn Programme von Stiftungen oder Unternehmen getragen werden, ist auf Ausgewogenheit und die Trennung von Bildung und Werbung zu achten. Und schließlich stellt sich die Frage der Gleichheit – Angebote, die von externen Partnern und dem Einsatz Einzelner abhängen, erreichen nicht alle Schulen gleichermaßen. Damit droht ein Gefälle zwischen Standorten mit starken Netzwerken und solchen ohne.

Der 18-jährige Mentor in Bergheim wird an diesen großen Fragen wenig ändern. Sein Auftritt zeigt aber, wie selbstverständlich das Thema geworden ist: Unternehmerisches Handeln gilt zunehmend als etwas, das man wie Lesen oder Rechnen üben kann – am besten so früh wie möglich. Ob daraus tragfähige Bildung wird oder nur ein weiteres Etikett, entscheidet sich weniger an einzelnen Projektwochen als daran, wie ernsthaft und wie unabhängig Schulen das Thema aufgreifen.


Dieser Beitrag ordnet einen aktuellen bildungspolitischen Trend redaktionell ein und beruht unter anderem auf öffentlich zugänglichen Angaben der beteiligten Bildungsnetzwerke.