Das Studio ohne Personal: Warum „Smart Gyms" zum stillen Wachstumsmotor der Fitnessbranche werden
Per App die Tür öffnen, allein trainieren, oft rund um die Uhr: Fitnessstudios mit wenig oder gar keinem Personal breiten sich in Deutschland rasch aus. Der Trend verändert, wie und wo Menschen Sport treiben – und wirft Fragen zu Betreuung und Sicherheit auf.
Wenn ein ehemaliger Profifußballer in einem niedersächsischen Ort ein neues Fitnessstudio eröffnet, ist das zunächst eine Lokalnachricht. Interessant wird sie als Beispiel für eine Entwicklung, die die Branche seit einigen Jahren umtreibt: Immer mehr Studios kommen mit wenig oder ganz ohne Personal aus. „Smart Gyms" heißen diese Einrichtungen, in denen Mitglieder sich per App oder Chipkarte selbst Zutritt verschaffen, meist überwacht von Kameras und ausgestattet mit langen Öffnungszeiten – häufig von morgens früh bis nachts, oft sogar rund um die Uhr.
Ein Markt, der leise wächst
Die Zahlen deuten auf einen anhaltenden Boom hin. Nach einer Auswertung der Nachrichtenagentur dpa gab es zu Beginn des Jahres 2025 in Deutschland rund 400 solcher Smart Gyms – etwa hundert mehr als ein Jahr zuvor und rund doppelt so viele wie 2023. Für das Ende des Jahres erwarteten Branchenkenner ein weiteres kräftiges Plus. Gemessen an den insgesamt mehr als 9.000 Fitness- und Gesundheitseinrichtungen im Land bleibt das Segment zwar überschaubar, doch es wächst überdurchschnittlich schnell. Der Hintergrund ist eine Branche in Rekordlaune: 2024 zählten die deutschen Studios laut Branchenangaben mehr als elf Millionen Mitglieder – so viele wie nie zuvor.
Warum das Modell für Betreiber attraktiv ist
Der Reiz des personalarmen Studios liegt vor allem in der Kostenstruktur. Personal ist im Fitnessgeschäft einer der größten Ausgabenposten; fällt er weitgehend weg, lassen sich niedrigere Beiträge anbieten oder Standorte wirtschaftlich betreiben, die sich mit klassischer Besetzung kaum rechnen würden. Betreiber setzen dabei auf unterschiedliche Zwischenwege: Manche Ketten halten begrenzte Betreuungszeiten vor, in denen Trainerinnen und Trainer vor Ort sind, andere verzichten fast vollständig auf Präsenz und bieten stattdessen freiberufliche Personal Trainer zur Zubuchung an. Discounter-Anbieter wiederum locken mit Monatsbeiträgen im Bereich von rund 30 Euro und durchgehend geöffneten Standorten. Gerade in kleineren Städten und Stadtrandlagen füllen solche Studios eine Lücke, weil sie flexibel und ohne Rücksicht auf klassische Öffnungszeiten funktionieren.
Die Kehrseite der Selbstbedienung
So bequem das Modell ist, es hat Grenzen. Wer allein und ohne fachliche Aufsicht trainiert, ist stärker auf eigenes Wissen angewiesen – gerade Einsteiger riskieren ohne Einweisung Fehlhaltungen oder Überlastung. Fachleute weisen zudem auf die Frage der Notfallhilfe hin: Ist niemand vor Ort, muss die Rettungskette über technische Systeme und Notrufe funktionieren. Betreiber begegnen dem mit Kameras, Notfallknöpfen und teils digitaler Einweisung, doch ein menschliches Auge ersetzt das nicht vollständig. Auch der soziale Aspekt fällt weg, der für viele Mitglieder ein wichtiger Grund fürs Dranbleiben ist. Ob unbetreutes Training zum eigenen Vorhaben passt, hängt deshalb stark von Erfahrung, Zielen und gesundheitlicher Ausgangslage ab.
Ein Baustein, kein Selbstläufer
Für die Branche sind Smart Gyms weniger eine Revolution als eine Ergänzung: Sie bedienen ein Bedürfnis nach Flexibilität und günstigen Preisen, das klassische Studios mit Sauna, Kursen und persönlicher Betreuung nicht immer erfüllen. Nebeneinander dürften beide Modelle bestehen bleiben – das eine für preisbewusste, selbstständige Trainierende, das andere für alle, die Anleitung und Gemeinschaft suchen. Dass ausgerechnet ein Ex-Profi in der Provinz auf das personalarme Konzept setzt, passt ins Bild einer Branche, die ihre Standorte neu verteilt und dabei zunehmend auf Technik statt Tresen vertraut.
Dieser Beitrag ordnet einen Branchentrend redaktionell ein. Angaben zu Trainingsformen und Gesundheit sind allgemeiner Natur und ersetzen keine individuelle medizinische oder sportwissenschaftliche Beratung.