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Das Schweizer Taschenmesser der Koralle: Was ihre winzigen Wimpern alles leisten

Korallen sitzen ihr Leben lang fest – und müssen trotzdem für Strömung, Nahrung und Sauberkeit sorgen. Ein Blick auf die haarfeinen Zilien an ihrer Oberfläche zeigt, wie ein sesshaftes Tier seine Umgebung in Bewegung hält.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Korallen wirken auf den ersten Blick wie Steine, die zufällig zu Ästen und Tellern gewachsen sind. Tatsächlich sind sie Tierkolonien – Tausende winziger Polypen, die sich einen gemeinsamen Kalkbau teilen. Und anders als ein Fisch, der bei schlechten Bedingungen einfach davonschwimmt, ist eine Koralle an ihren Platz gefesselt. Sie muss mit dem auskommen, was das Wasser vorbeibringt. Umso erstaunlicher ist, wie aktiv diese sesshaften Wesen ihre unmittelbare Umgebung gestalten – mithilfe von Strukturen, die kleiner sind als der Durchmesser eines Haares.

Sesshaft, aber nicht passiv

Die Oberfläche einer Koralle ist mit Zellen bedeckt, die feine, bewegliche Fortsätze tragen: Zilien, im Deutschen auch Wimpern genannt. Man kennt sie aus dem menschlichen Körper, etwa in den Atemwegen, wo sie Schleim und Staub Richtung Rachen befördern. Bei Korallen erfüllen sie eine verwandte, aber deutlich umfassendere Rolle. Die Wimpern schlagen nicht wahllos, sondern koordiniert – benachbarte Zilien stimmen ihren Takt so aufeinander ab, dass an der Oberfläche gerichtete, dauerhafte Strömungen entstehen. Ein Tier ohne Muskeln und ohne Fortbewegung schafft sich auf diese Weise seinen eigenen kleinen Wasserwirbel.

Ströme aus dem Nichts

Wie präzise das funktioniert, lässt sich sichtbar machen, indem Forschende dem Wasser winzige fluoreszierende Kügelchen beimischen und deren Bahnen verfolgen. Dabei zeigt sich, dass die Teilchen nicht chaotisch treiben, sondern geordneten Mustern folgen – Linien, Schlaufen und Spiralen, die je nach Korallenart unterschiedlich ausfallen. Teilweise bewegen sich die Partikel sogar gegen die Schwerkraft nach oben. Die Strömung ist also kein Nebenprodukt der Meeresbewegung, sondern wird von der Koralle selbst erzeugt und geformt. Das ist bemerkenswert, weil es zeigt, dass ein Organismus ohne zentrales Nervensystem eine erstaunlich komplexe Choreografie zustande bringt, allein durch das abgestimmte Zusammenspiel vieler einzelner Zellen.

Mehr als eine Aufgabe

Der Nutzen dieser selbst gemachten Strömungen ist vielfältig – daher das Bild vom Schweizer Taschenmesser. Zum einen versorgt die Bewegung die Koralle mit frischem, sauerstoffreichem Wasser und trägt Stoffwechselabfälle fort; ohne Umwälzung würde sich in den Zwischenräumen der Kolonie eine träge, sauerstoffarme Zone bilden. Zum anderen hilft die Strömung, Nahrungspartikel heranzuführen und über die Oberfläche zu verteilen. Und schließlich wirkt sie reinigend: Sedimente und Fremdstoffe, die sich sonst auf dem Gewebe absetzen und es ersticken könnten, werden gezielt abtransportiert. In vielen Fällen ist dem Wasser Schleim beigemischt, den die Koralle absondert – ein Transportmittel, das Partikel bindet und die Strömungsmuster noch sichtbarer macht.

Warum das über das Riff hinaus interessiert

Solche Beobachtungen sind mehr als Naturkunde. Riffe stehen weltweit unter Druck, etwa durch steigende Wassertemperaturen und zunehmende Sedimenteinträge aus dem Küstenraum. Wie gut eine Koralle sich selbst freihalten und mit Sauerstoff versorgen kann, entscheidet mit darüber, wie widerstandsfähig sie gegenüber solchem Stress ist. Ein besseres Verständnis der Zilien-Strömungen könnte daher helfen, einzuschätzen, welche Arten anfälliger sind als andere. Darüber hinaus interessiert sich die Bionik für das Prinzip: gerichtete Strömungen ohne Pumpe, ohne bewegliche Großbauteile, allein durch die koordinierte Bewegung vieler kleiner Elemente. Was Korallen seit Jahrmillionen beherrschen, ist für die Technik ein reizvolles Vorbild – vom Transport von Flüssigkeiten in winzigen Kanälen bis zu selbstreinigenden Oberflächen. Dass ausgerechnet ein festsitzendes, scheinbar reglos wirkendes Tier diese Lösung parat hält, gehört zu den kleinen Überraschungen, die den Blick auf das Riff verändern.


Dieser Beitrag fasst den Stand der Forschung allgemein verständlich zusammen und ist eine redaktionelle Einordnung, kein Fachartikel.