Austausch ohne Flugticket: Warum Hochschulen ihre Internationalisierung neu rechnen
Ein Auslandssemester bleibt die Ausnahme – die Mehrheit der Studierenden absolviert das Studium komplett im Inland. Hochschulen setzen deshalb zunehmend auf gemeinsame Online-Lehrformate mit Partnereinrichtungen. Der Ansatz löst ein Zugangsproblem und schafft ein neues.
Die Minderheit im Ausland
Internationalisierung wird an deutschen Hochschulen traditionell über eine Kennzahl gedacht: Wie viele Studierende gehen für eine Zeit ins Ausland, wie viele kommen herein? Gemessen an dieser Größe ist die Bilanz ernüchternd. Der weit überwiegende Teil eines Jahrgangs verbringt das gesamte Studium am Heimatort.
Die Gründe dafür sind seit Jahren dieselben und haben wenig mit Neugier zu tun. Wer nebenher arbeitet, kann nicht ohne Weiteres ein Semester aussetzen. Wer Kinder betreut oder Angehörige pflegt, erst recht nicht. In stark verschulten Studiengängen mit engem Prüfungstakt fehlt schlicht das Zeitfenster, und Anerkennungsfragen schrecken zusätzlich ab. Ein Auslandsaufenthalt setzt außerdem finanzielle Reserven voraus, die längst nicht alle haben. Damit wird internationale Erfahrung faktisch zu einem Merkmal, das soziale Unterschiede eher verstärkt als ausgleicht.
Vor diesem Hintergrund gewinnt ein Format an Bedeutung, das unter Bezeichnungen wie „Virtual Exchange" oder „COIL" – Collaborative Online International Learning – läuft: Lehrende zweier Hochschulen in verschiedenen Ländern führen einen Kurs gemeinsam durch, Studierende beider Seiten arbeiten über Wochen hinweg in gemischten Teams an einer Aufgabe. Gereist wird nicht, oder allenfalls zum Abschluss.
Was daran neu ist – und was nicht
Auf den ersten Blick klingt das nach einem Nebenprodukt der Pandemiejahre. Tatsächlich ist die Idee älter, und ihr Kern liegt nicht in der Technik. Ein Videokonferenzsystem hat noch niemanden interkulturell kompetent gemacht. Entscheidend ist die gemeinsame Aufgabe: Wenn eine Gruppe aus Würzburg und eine aus Chennai eine Fallstudie zusammen abgeben muss, entstehen genau die Reibungen, um die es geht – unterschiedliche Vorstellungen von Deadlines, von Hierarchie, von der Frage, wie direkt Kritik formuliert wird.
Der organisatorische Aufwand wird dabei regelmäßig unterschätzt. Semesterzeiten sind zwischen Kontinenten selten deckungsgleich, Zeitzonen begrenzen die Fenster für synchrone Sitzungen, und Prüfungsordnungen müssen eine gemeinsam erbrachte Leistung überhaupt vorsehen. Hinzu kommt die Frage, wer die Arbeitszeit der Lehrenden für Abstimmung und Betreuung anerkennt. Erfahrungsberichte aus dem Hochschulbereich verweisen deshalb darauf, dass solche Kooperationen häufig an einzelnen engagierten Personen hängen – und mit deren Weggang enden.
Bemerkenswert ist ein Nebeneffekt, den Hochschulverwaltungen zunehmend einkalkulieren: Ein gemeinsam durchgeführter Kurs funktioniert als Test für eine Partnerschaft. Ob zwei Einrichtungen zueinander passen, zeigt sich in einem Semester gemeinsamer Lehre deutlicher als in einer Absichtserklärung. Manche strategische Partnerschaft beginnt heute mit einem Kurs und nicht mit einer Unterschrift.
Ergänzung, kein Ersatz
Die entscheidende Frage lautet, ob virtuelle Formate den physischen Aufenthalt ersetzen sollen. Die Antwort aus der Praxis ist überwiegend defensiv: Sie sollen es nicht. Was ein halbes Jahr in einem fremden Land an Alltagserfahrung erzeugt – Behördengänge, Wohnungssuche, Sprache außerhalb des Seminarraums – lässt sich in einem Onlinekurs nicht abbilden.
Realistischer ist eine andere Rollenbeschreibung. Virtueller Austausch erreicht diejenigen, die ohnehin nicht gereist wären, und senkt für einen Teil von ihnen die Hemmschwelle für einen späteren Aufenthalt. Er verteilt internationale Erfahrung breiter, wenn auch flacher. Ob das mehr ist als eine Notlösung, hängt daran, ob die Formate aus der Projektförderung in die reguläre Studienplanung übergehen – oder ob sie mit dem Ende des jeweiligen Förderzeitraums wieder verschwinden. Genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob aus einem Trend eine Struktur wird.
Redaktionelle Einordnung eines bildungspolitischen Trends. Angaben zu einzelnen Hochschulprojekten beruhen auf Mitteilungen der beteiligten Einrichtungen.