Zwischen Kette und Einzelkämpfer: Wie Genossenschaften unabhängige Hörakustiker im Markt halten

Filialketten übernehmen immer größere Teile des Hörakustik-Markts. Verbundgruppen und Genossenschaften bieten selbstständigen Meisterbetrieben ein drittes Modell – zwischen Konzernzugehörigkeit und Alleingang.

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Wer heute ein Hörgerät braucht, landet immer häufiger bei einer Kette. Geers, Amplifon, KIND, dazu Optik-Filialisten wie Fielmann und Apollo, die das Hörgeschäft als zweites Standbein entdeckt haben: Nach Branchendaten entfällt inzwischen mehr als ein Viertel aller Hörakustik-Fachgeschäfte in Deutschland auf große Filialisten. Für die verbliebenen unabhängigen Meisterbetriebe stellt sich damit eine Frage, die viele Handwerksbranchen kennen: Wie behauptet man sich gegen Anbieter mit zentralem Einkauf, nationaler Werbung und professionellem Recruiting?

Ein Markt, der wächst – und sich gleichzeitig konzentriert

Der Hörakustik-Markt gilt eigentlich als Wachstumsbranche. Die Gesellschaft altert, Hörgeräte werden leistungsfähiger und unauffälliger, die Hemmschwelle sinkt. Nach Angaben der Bundesinnung der Hörakustiker (biha) gibt es in Deutschland knapp 3.000 Fachbetriebe, die zusammen rund 7.300 Ladengeschäfte betreiben; etwa 18.000 Hörakustikerinnen und Hörakustiker arbeiten in der Branche. Doch das Wachstum verteilt sich ungleich. Große Filialisten expandieren seit Jahren durch Zukäufe, internationale Konzerne wie Sonova (Geers), Demant und Amplifon haben sich tief in den deutschen Einzelhandel eingekauft. Hinzu kommen neue Vertriebswege: Hörlösungen aus dem Elektronikmarkt, sogenannte Hörbrillen und OTC-Angebote, die am klassischen Fachgeschäft vorbei verkauft werden.

Das Genossenschaftsmodell als dritter Weg

Zwischen dem Verkauf an eine Kette und dem Alleingang hat sich in der Branche ein drittes Modell etabliert: die Einkaufs- und Leistungsgemeinschaft. Ein aktuelles Beispiel liefert die Hörex Hör-Akustik eG aus Kreuztal, die dieser Tage ein neues Erscheinungsbild vorgestellt hat – und dabei ausdrücklich die Unabhängigkeit ihrer Mitglieder in den Mittelpunkt rückt. Die Genossenschaft wurde nach eigenen Angaben 1995 von 20 selbstständigen Hörakustikern gegründet und zählt heute rund 500 Mitgliedsbetriebe bundesweit.

Das Prinzip ist aus dem Lebensmittelhandel (Edeka, Rewe) oder der Augenoptik bekannt: Die Gemeinschaft verhandelt zentral Einkaufskonditionen, betreibt eine Exklusivmarke und stellt Dienstleistungen bereit, die sich ein einzelner Betrieb kaum leisten könnte – von der Marketingagentur über Weiterbildungsformate bis zur Begleitung von Existenzgründern. Die unternehmerischen Entscheidungen bleiben aber vor Ort. „Unser Ziel ist es, unsere Mitglieder dort zu entlasten, wo es für sie sinnvoll ist – ohne ihnen Entscheidungen abzunehmen", lässt sich Hörex-Vorständin Claudia Hellbach in der Mitteilung des Unternehmens zitieren.

Sichtbarkeit als Engpass

Dass Verbundgruppen ausgerechnet jetzt in Marketing und Markenauftritt investieren, ist kein Zufall. Die Außenwirkung der Branche wird zunehmend von den Werbebudgets der Großfilialisten geprägt – wer als Einzelbetrieb nicht sichtbar ist, existiert für viele Kundinnen und Kunden schlicht nicht. Ähnliches gilt für den Arbeitsmarkt: Der Fachkräftemangel trifft kleine Betriebe härter, weil Ketten mit strukturierten Ausbildungsprogrammen und Karrierepfaden werben können. Genossenschaften versuchen, diese Lücke mit gemeinsamen Schulungsangeboten und Nachwuchsförderung zu schließen.

Hat der unabhängige Betrieb Zukunft?

Die Konsolidierung des Marktes dürfte weitergehen, auch wenn Branchenbeobachter zuletzt eine Verlangsamung registrierten – viele attraktive Übernahmeziele sind schlicht schon verkauft. Für unabhängige Betriebe spricht, dass Hörakustik ein ausgesprochen beratungsintensives Handwerk ist: Die Anpassung eines Hörgeräts erstreckt sich über Wochen, die Kundenbeziehung über Jahre. Nähe, Kontinuität und persönliche Betreuung sind Faktoren, bei denen der inhabergeführte Betrieb strukturell im Vorteil sein kann. Ob das reicht, hängt am Ende davon ab, ob die wirtschaftliche Basis stimmt – und genau dort setzen die Verbundgruppen an. Der Wettbewerb zwischen Kette und Genossenschaft ist damit auch ein Test, ob Selbstständigkeit im Gesundheitshandwerk ein tragfähiges Modell bleibt.


Redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Unternehmens- und Branchenangaben, u.a. einer Pressemitteilung der Hörex Hör-Akustik eG sowie Daten der Bundesinnung der Hörakustiker.