Neues Leben in der alten Spielbank: Warum Seebäder ihre historischen Säle neu erfinden

Auf Norderney sucht das Staatsbad einen Pächter für die ehemalige Spielbank im historischen Conversationshaus – ganzjährig, auf zehn Jahre. Der Fall zeigt, wie Seebäder ihre Prachtbauten für den Ganzjahrestourismus umbauen.

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Im Herzen von Norderney, direkt am Kurplatz, steht eines der geschichtsträchtigsten Gebäude der deutschen Nordseeküste: das Conversationshaus, einst gesellschaftlicher Mittelpunkt des ältesten deutschen Nordseebads. Nun sucht die Staatsbad Norderney GmbH einen neuen Betreiber für einen besonderen Teil des Hauses – die Räume der ehemaligen Spielbank. Dort soll nach Angaben des Staatsbads eine zeitgemäße Erlebnisgastronomie entstehen. Die Ausschreibung ist mehr als eine lokale Personalie am Kurplatz: Sie steht beispielhaft dafür, wie Kur- und Seebäder ihre historischen Immobilien neu denken müssen.

Zehn Jahre Pacht, zwölf Monate Betrieb

Die Eckdaten der Ausschreibung lassen erkennen, worauf es dem kommunalen Betreiber ankommt. Vorgesehen ist laut Staatsbad eine Pachtdauer von zehn Jahren mit Verlängerungsoption – ein für die Gastronomie langer Horizont, der Investitionen in Küche und Ausstattung überhaupt erst kalkulierbar macht. Die Räume sollen zuvor umfassend saniert werden. Bemerkenswert ist vor allem eine Bedingung: Der Betrieb muss ganzjährig laufen. Interessenten können sich mit einem Betriebskonzept und ihren Pachtvorstellungen bis Mitte August bewerben.

Gerade die Ganzjahresauflage verrät viel über den Strukturwandel im Inseltourismus. Jahrzehntelang lebten Nordseeinseln vom Sommergeschäft; im Winter klappten viele Betriebe die Stühle hoch. Inzwischen setzen die Destinationen gezielt auf Nebensaison und Wintergäste – mit Thalasso- und Wellnessangeboten, Veranstaltungen und eben einer Gastronomie, die auch im November ein Grund sein soll, auf die Insel zu fahren. Ein Leuchtturmbetrieb im wichtigsten Gebäude des Ortes, der von Oktober bis März geschlossen bliebe, würde diese Strategie konterkarieren.

Was aus alten Spielbanken wird

Dass ausgerechnet eine frühere Spielbankfläche frei wird, passt ins Bild. Klassische Spielbanken haben vielerorts mit sinkenden Besucherzahlen zu kämpfen, das Glücksspiel verlagert sich ins Netz, Standorte wurden zusammengelegt oder verkleinert. Zurück bleiben repräsentative Säle in besten Lagen – oft in denkmalgeschützten Kur-Architekturen, die sich nicht beliebig umnutzen lassen. Gastronomie gilt dabei als naheliegende Nachnutzung: Sie braucht Publikum und Atmosphäre, und sie bringt Leben in Gebäude, deren Unterhalt die öffentliche Hand ohnehin tragen muss.

Der Begriff „Erlebnisgastronomie", der in der Norderneyer Ausschreibung fällt, ist dabei mehr als ein Modewort. Gemeint sind Konzepte, die über das reine Essen hinaus einen Anlass zum Kommen schaffen – offene Küchen, Verkostungen, wechselnde kulinarische Formate, die Verbindung von Gastronomie mit Veranstaltungen oder regionalen Produkten. Für Verpächter haben solche Konzepte einen doppelten Reiz: Sie versprechen Frequenz auch außerhalb der klassischen Essenszeiten und zahlen auf das Image des Standorts ein.

Chance mit Bedingungen

Für potenzielle Betreiber ist die Rechnung gleichwohl anspruchsvoll. Inselstandorte bedeuten höhere Logistikkosten, knappen Wohnraum für Personal und einen Arbeitsmarkt, auf dem Köche und Servicekräfte schwer zu finden sind – Probleme, die die Gastronomie derzeit fast überall plagt, auf Inseln aber verschärft auftreten. Dem stehen eine garantierte Lauflage im touristischen Zentrum, ein langfristiger Vertrag und ein Vermieter gegenüber, der als kommunales Unternehmen an einem stabilen Betrieb interessiert ist und keine kurzfristige Renditemaximierung betreiben muss.

Wie das Experiment ausgeht, wird sich frühestens zur Saison zeigen, für die die sanierten Räume vorbereitet werden sollen. Interessant ist der Vorgang schon jetzt – als kleines Lehrstück darüber, wie Orte mit großem baulichen Erbe und saisonalem Geschäftsmodell versuchen, beides zusammenzubringen: die Aura des 19. Jahrhunderts und die Erwartungen von Gästen, die auch im Winter nicht auf gutes Essen verzichten wollen.


Redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Angaben, u.a. der Staatsbad Norderney GmbH. Angaben zur Ausschreibung ohne Gewähr; maßgeblich sind die offiziellen Unterlagen des Staatsbads.