Museum ohne Schwellenangst: Warum sich Kulturhäuser als „Dritte Orte" neu erfinden

Kostenfrei, konsumfrei, offen für alle: Mit Projekten wie der „Open Area" am Kunstmuseum Wolfsburg positionieren sich Museen als Begegnungsorte jenseits der Ausstellung – und reagieren damit auf eine Relevanzdebatte, die die ganze Branche beschäftigt.

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Ein Pavillon namens „Koralle" auf dem Vorplatz, ein offener Garten, Werkräume für eigene Projekte – und nirgendwo eine Kasse: Das Kunstmuseum Wolfsburg hat am 3. Juli seine „Open Area" eröffnet, einen frei zugänglichen Begegnungs- und Projektraum, der das Haus zur Stadt hin öffnen soll. Das Projekt steht beispielhaft für eine Entwicklung, die derzeit viele Kultureinrichtungen erfasst: Museen wollen nicht mehr nur Ausstellungsorte sein, sondern „Dritte Orte".

Was ein „Dritter Ort" ist

Der Begriff geht auf den amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg zurück. Er bezeichnet Orte jenseits von Zuhause (dem ersten) und Arbeitsplatz (dem zweiten Ort), an denen Menschen zwanglos zusammenkommen – klassischerweise das Café, der Marktplatz, die Kneipe. In der Kulturpolitik hat der Begriff seit einigen Jahren Karriere gemacht: Öffentliche Bibliotheken haben sich vielerorts längst zu Aufenthaltsorten mit Lernräumen, Veranstaltungen und Werkstätten gewandelt. Museen ziehen nun nach – auch, weil kommerzielle Treffpunkte in den Innenstädten schwinden und konsumfreie Räume rar geworden sind.

Das Wolfsburger Modell

In Wolfsburg ging der Eröffnung nach Angaben des Museums eine mehr als zweijährige Konzeptphase voraus, in die künftige Nutzerinnen und Nutzer früh einbezogen wurden. Das Berliner Architekturkollektiv raumlaborberlin – bekannt für experimentelle Interventionen im Stadtraum – hat mehrere Bereiche des Hauses umgebaut und zum Stadtraum geöffnet. Neben dem Pavillon auf dem Hollerplatz gehören ein Studio, ein Japangarten und ein Versammlungsraum zum Ensemble. Geplant sind Workshops, Lesungen, Filmabende und Diskussionsformate; über einen Open Call kann die Stadtgesellschaft eigene Projektideen einbringen. Alle Angebote sind laut Museum kostenfrei.

Bemerkenswert ist die Finanzierung: Das Projekt wird aus dem Bundesprogramm „Investitionen in national bedeutsame Kultureinrichtungen" (INK) gefördert, dazu kommen Mittel der Stadt Wolfsburg und Eigenmittel des Museums. Der niedersächsische Kulturminister Falko Mohrs lobte das Vorhaben zur Eröffnung ausdrücklich als Beispiel dafür, wie sich Museen „als ‚Dritte Orte' öffnen" können.

Warum Museen das tun

Hinter dem Trend steckt mehr als Idealismus. Viele Häuser kämpfen seit der Pandemie um ihr Publikum und stehen unter Rechtfertigungsdruck gegenüber den öffentlichen Geldgebern: Wer Millionen an Fördermitteln erhält, muss zeigen, dass er mehr erreicht als ein eingespieltes Bildungsbürgertum. Auch die 2022 verabschiedete neue Museumsdefinition des Internationalen Museumsrats ICOM nennt Teilhabe und Gemeinwohl ausdrücklich als Kernaufgaben. Partizipative Formate sind damit vom netten Zusatzangebot zum strategischen Auftrag geworden – und nicht zuletzt ein Argument in künftigen Haushaltsverhandlungen.

Die offenen Fragen

Kritiker wenden ein, dass Museen sich mit der Rolle als Sozial- und Begegnungsort übernehmen könnten: Sammeln, Bewahren, Forschen und Ausstellen bleiben der Kernauftrag, für den das Fachpersonal ausgebildet ist. Zudem sind viele Teilhabe-Projekte an befristete Fördertöpfe gebunden – was passiert mit einem offenen Treffpunkt, wenn die Projektmittel auslaufen, ist häufig ungeklärt. Und schließlich muss sich erst zeigen, ob die erhofften neuen Besuchergruppen tatsächlich kommen oder ob am Ende doch das Stammpublikum die Workshops füllt.

Das Wolfsburger Experiment dürfte deshalb branchenweit beobachtet werden. Gelingt es, aus einem klassischen Ausstellungshaus einen Ort zu machen, den Menschen auch ohne Ausstellungsbesuch ansteuern, wäre das ein Modell für viele Mittelstädte, deren Innenstädte um Aufenthaltsqualität ringen. Scheitert es, wäre immerhin geklärt, dass gut gemeinte Architektur allein noch keine Teilhabe schafft.


Redaktionelle Einordnung auf Basis öffentlich zugänglicher Angaben, u.a. einer Pressemitteilung des Kunstmuseum Wolfsburg.