News

Wenn der eigene Solarstrom die Heizung der Nachbarn zahlt: Das Modell der Energiespende

Überschüssiger Strom aus privaten Solaranlagen fließt an Haushalte, die sich das Heizen kaum leisten können: In Österreich wächst ein solidarisches Energiemodell. Was dahintersteckt – und wie verbreitet Energiearmut auch in Deutschland ist.

Von Redaktion · · 3 Min. Lesezeit

Strom verschenken statt einspeisen

Wer eine Photovoltaikanlage auf dem Dach hat, kennt das Dilemma: An sonnigen Tagen produziert sie mehr Strom, als der Haushalt verbrauchen kann. Der Überschuss wandert für eine geringe Vergütung ins Netz. Genau hier setzt eine Idee an, die in Österreich gerade an Fahrt gewinnt: Statt den Strom einzuspeisen, wird er gespendet – an Haushalte, die sich Energie kaum leisten können. Getragen wird das Modell von sogenannten Energiegemeinschaften, die überschüssigen Strom aus privaten und gewerblichen Anlagen gezielt an armutsbetroffene Haushalte weiterreichen. Nach Angaben der Initiatoren zahlen die Empfänger dabei nur noch Netzkosten und Abgaben, die eigentliche Energie bleibt für sie kostenlos.

Von der Nische zum skalierbaren Ansatz

Eine der bekanntesten Initiativen dieser Art hat nach eigenen Angaben seit ihrer Gründung 2022 bereits mehr als 140 Haushalte mit gespendetem Strom versorgt. Ein aktuelles Forschungsprojekt – unter dem Schlagwort „Energiespenden 2.0" – will nun die Ausnutzung der gespendeten Energie deutlich erhöhen, damit langfristig mehrere Zehntausend Haushalte teilhaben könnten. Solche Zahlen sind mit Vorsicht zu lesen: Sie beschreiben Ziele, keine erreichten Größenordnungen. Doch das Grundprinzip ist bestechend einfach – lokal erzeugter Überschuss, der sonst kaum vergütet wird, deckt einen realen Bedarf, statt ungenutzt zu verpuffen. Parallel existieren klassischere Formen der Hilfe: Hilfsorganisationen wie Caritas oder Rotes Kreuz sammeln in Österreich Geldspenden, um Energierechnungen einkommensschwacher Haushalte abzufedern.

Ein Problem mit Millionen Betroffenen

Dass es diese Angebote braucht, zeigen die Zahlen. In Österreich können sich laut einer EU-SILC-Erhebung rund vier Prozent der Haushalte das angemessene Heizen ihrer Wohnung nicht leisten – das entspricht etwa 360.000 Menschen. In Deutschland fällt der Anteil ähnlich hoch aus: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lebten 2024 rund 5,3 Millionen Menschen beziehungsweise 6,3 Prozent der Bevölkerung in Haushalten, die ihre Wohnung aus finanziellen Gründen nicht ausreichend warm halten konnten. Der Wert ist gegenüber 2023 gesunken, als er noch bei 8,2 Prozent lag, und liegt unter dem EU-Durchschnitt von 9,2 Prozent. Trotz des Rückgangs bleibt Energiearmut damit ein Massenphänomen.

Warum Geld allein die Sache nicht löst

Energiearmut ist selten nur eine Frage des Einkommens. Sie entsteht im Zusammenspiel aus niedrigen Einkommen, schlecht gedämmtem Wohnraum und Energiepreisen, die ärmere Haushalte anteilig härter treffen. Wer in einer zugigen Altbauwohnung mit alter Heizung lebt, zahlt für dieselbe Wärme mehr als der Nachbar im sanierten Neubau. Einmalige Zuschüsse mildern die akute Not, ändern an dieser strukturellen Schieflage aber wenig. Das macht auch die Grenzen der Spendenmodelle deutlich: Sie sind eine Ergänzung, kein Ersatz für energetische Sanierung und Sozialpolitik. Und sie hängen an Voraussetzungen – verfügbarem Überschuss, freiwilligem Engagement und einem rechtlichen Rahmen für Energiegemeinschaften, der erst in den vergangenen Jahren europaweit geschaffen wurde.

Ein Modell mit Signalwirkung

Gerade weil es die großen Fragen nicht allein beantwortet, ist der Ansatz interessant. Er verknüpft zwei Entwicklungen, die sonst getrennt verhandelt werden: den Ausbau dezentraler Solarenergie und den Kampf gegen soziale Härten der Energiewende. Ob sich daraus mehr entwickelt als lokale Leuchttürme, wird davon abhängen, wie einfach sich das Verschenken von Strom regulatorisch und technisch machen lässt. Das Interesse ist da – auf beiden Seiten der Leitung.


Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines aktuellen Branchentrends und keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung.