Doppelt überzeichnet – und ohne Netzanschluss trotzdem wertlos: Der wahre Flaschenhals der Solarparks
Die jüngste Ausschreibung für Solar-Freiflächenanlagen war erneut deutlich überzeichnet. Der eigentliche Engpass der Energiewende liegt aber längst nicht mehr bei den Geboten, sondern beim Anschluss ans Stromnetz.
Wenn ein Projektentwickler dieser Tage mitteilt, die erste Ausschreibungsrunde 2026 für Solar-Freiflächenanlagen sei „stark überzeichnet" gewesen, dann ist das keine Übertreibung, sondern eine nüchterne Beschreibung des Marktes. Die Zahlen der Bundesnetzagentur belegen: Die Nachfrage nach Förderzuschlägen ist weiterhin doppelt so groß wie das ausgeschriebene Volumen. Interessanter als der Wettbewerb um die Zuschläge ist jedoch die Frage, die dahinter längst wichtiger geworden ist – ob die gewonnenen Projekte überhaupt ans Netz kommen.
Mehr Gebote als Fläche
Zum Gebotstermin am 1. März 2026 hatte die Bundesnetzagentur rund 2.295 Megawatt ausgeschrieben. Eingereicht wurden 532 Gebote mit einem Volumen von 4.622 Megawatt – also etwa das Doppelte dessen, was bezuschlagt werden konnte. Am Ende erhielten 268 Gebote mit zusammen 2.299 Megawatt einen Zuschlag. Die Zuschlagswerte lagen zwischen 3,99 und 5,10 Cent je Kilowattstunde, im mengengewichteten Mittel bei 4,94 Cent – leicht unter der Vorrunde.
Bemerkenswert ist der Anteil sogenannter besonderer Solaranlagen, etwa auf Parkplätzen, Mooren oder in Kombination mit Landwirtschaft: Sie kamen auf 59 Zuschläge mit 439 Megawatt und damit auf knapp ein Fünftel des Zuschlagsvolumens – ein neuer Höchststand. Der Solarausbau in der Fläche bleibt also nicht nur begehrt, er wird auch vielfältiger. Die nächste Runde des ersten Segments ist bereits für den 1. Juli 2026 angesetzt.
Der eigentliche Engpass liegt im Netz
Ein Zuschlag ist allerdings nur der Anfang. Zwischen der geförderten Zusage und dem ersten eingespeisten Kilowatt steht der Netzanschluss – und der ist zum kritischen Nadelöhr geworden. Nach Daten des Branchenverbands BSW-Solar von Ende 2025 vergehen im Schnitt schon vier Monate allein für die Zuweisung eines Anschlusspunkts; in Extremfällen zieht sich das Verfahren über Jahre. In Bayern allein sollen Netzanschlussanträge für erneuerbare Energien mit rund 25 Gigawatt in der Warteschlange stehen.
Die Zahlen der Übertragungsnetzbetreiber zeichnen ein ähnliches Bild: Ende des dritten Quartals 2025 lagen dort 717 Netzanschlussbegehren mit zusammen 270 Gigawatt vor. Der größte Teil entfällt dabei gar nicht auf Solarparks, sondern auf Großbatteriespeicher – allein 545 Anträge mit 211 Gigawatt – sowie auf Rechenzentren und Elektrolyseure. Solarparks konkurrieren also mit einer wachsenden Zahl anderer stromhungriger Vorhaben um dieselben knappen Anschlusskapazitäten.
Warum ein Platz in der Warteschlange nicht mehr genügt
Aus dieser Gemengelage folgt eine Verschiebung, die Projektentwickler seit Monaten beschäftigt. Ein bloßer Wartelistenplatz gilt kaum noch als Vermögenswert. Gefragt sind stattdessen baureife Projekte – mit gesichertem Standort, belastbarem Zeitplan, geklärter Finanzierung und den nötigen Genehmigungen. Genau darauf zielen auch Marktteilnehmer wie der Entwickler ON Energy, der gesicherte Netzanschlüsse, kommunale Planung und eine durchgängige Projektentwicklung laut Unternehmensangaben als die entscheidenden Erfolgsfaktoren benennt. Ob ein einzelnes Unternehmen diese Kriterien besser erfüllt als andere, lässt sich von außen nicht beurteilen – die zugrunde liegende Diagnose deckt sich aber mit der Marktlage.
Für die Praxis heißt das: Wer heute in Freiflächen-Photovoltaik investiert, muss den Netzanschluss von Beginn an als das größte Einzelrisiko behandeln, nicht als Formsache am Ende. Frühe Standortprüfung, ein realistischer Blick auf die regionale Netzsituation und Alternativen für die Einspeisung entscheiden zunehmend darüber, ob ein Zuschlag am Ende Strom liefert oder nur ein Aktenzeichen bleibt.
Was das für die Energiewende bedeutet
Die anhaltende Überzeichnung ist zunächst ein gutes Zeichen: Kapital und Projektideen sind reichlich vorhanden, der Ausbau stockt nicht am fehlenden Willen. Zugleich verschiebt sich der Flaschenhals sichtbar von der Förderung zur Infrastruktur. Solange der Netzausbau dem Zubau von Erzeugung und Speichern hinterherhinkt, bleibt die spannendere Kennzahl nicht die Zahl der Gebote, sondern die Länge der Anschluss-Warteschlange. Die kommenden Ausschreibungsrunden dürften den Wettbewerb hoch halten – ob daraus tatsächlich einspeisende Anlagen werden, entscheidet sich anderswo.
Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung eines Branchentrends auf Grundlage öffentlich zugänglicher Daten und stellt keine Anlage- oder Investitionsberatung dar.