Wenn der Chef plötzlich ausfällt: Warum viele Familienbetriebe für den Ernstfall nicht gerüstet sind
Finanzdienstleister werben derzeit mit drastischen Warnungen an Unternehmerfamilien. Hinter dem Marketing steckt ein reales Problem: In vielen kleinen und mittleren Betrieben hängt fast alles an einer Person – und für deren plötzlichen Ausfall gibt es keinen Plan.
„Im Todesfall vor dem Ruin“: Mit Botschaften dieser Art werben Finanzberater und Versicherer derzeit um die Aufmerksamkeit von Unternehmerinnen und Unternehmern. Solche Zuspitzungen sind Verkaufsargument und sollten nicht als Tatsache verstanden werden. Doch der wunde Punkt, den sie treffen, ist echt – und in der Forschung gut belegt: Viele Familienbetriebe sind auf den plötzlichen Ausfall ihrer zentralen Person schlecht vorbereitet.
Das unterschätzte Risiko
Nachfolge gilt in vielen Betrieben als Thema für später – für den geordneten Ruhestand in ferner Zukunft. Die Realität sieht anders aus. Nach Berechnungen des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn tritt etwa jede vierte Unternehmensnachfolge unerwartet ein, ausgelöst durch Tod, schwere Krankheit oder Unfall. Zugleich steht in Deutschland in den kommenden Jahren eine große Zahl von Familienunternehmen zur Übergabe an – das IfM spricht von Hunderttausenden übergabereifen Betrieben. Das Problem verschärft sich, weil in kleinen Firmen häufig eine einzige Person alle Fäden in der Hand hält: Kundenkontakte, Bankvollmachten, Passwörter, das Wissen über Abläufe. Fällt sie aus, fehlt oft nicht das Geld zuerst, sondern die Handlungsfähigkeit.
Was im Ernstfall fehlt
Genau hier setzt die Idee eines „Notfallkoffers“ oder Notfallordners an, die in der Nachfolgeberatung seit Jahren propagiert wird. Gemeint ist eine geordnete Sammlung all dessen, was Angehörige oder Mitarbeitende im Ernstfall sofort brauchen: der Gesellschaftsvertrag, eine Übersicht der Aufgaben der Geschäftsführung, Vollmachten gegenüber Banken und Lieferanten, Ansprechpartner, Schlüssel, Zugangsdaten und betriebliches Sonderwissen. Ohne solche Vorkehrungen kann ein Betrieb schon an banalen Hürden ins Stocken geraten – etwa wenn niemand auf ein Geschäftskonto zugreifen darf oder unklar ist, wer Verträge unterschreiben kann. Der Aufwand ist überschaubar, der Nutzen im Ernstfall erheblich.
Zwischen Versicherung, Vollmacht und Testament
Die beworbene Risikolebensversicherung deckt dabei nur einen Ausschnitt ab: die finanzielle Absicherung der Familie. Sie ersetzt weder die operative Handlungsfähigkeit des Betriebs noch eine rechtlich saubere Regelung der Nachfolge. Fachleute verweisen deshalb auf ein Bündel von Instrumenten – von Vorsorgevollmachten über eine geregelte Notgeschäftsführung bis zum Unternehmertestament, das mit dem Gesellschaftsvertrag abgestimmt sein muss. Welche Kombination sinnvoll ist, hängt stark von Rechtsform, Familienkonstellation und Vermögenslage ab. Pauschale Lösungen aus der Werbung greifen hier oft zu kurz.
Warum viele es dennoch aufschieben
Dass so viele Betriebe die Vorsorge vor sich herschieben, hat nachvollziehbare Gründe: fehlende Zeit im Tagesgeschäft, die verständliche Scheu, sich mit dem eigenen Ausfall zu befassen, und die Komplexität des Themas. „Läuft doch“ ist eine bequeme, aber teure Haltung. Wer die Grundlagen einmal ordnet – und die Unterlagen regelmäßig aktualisiert – nimmt sich und den Angehörigen im Ernstfall viel Druck. Die Marketing-Warnungen der Finanzbranche mögen überzeichnet sein. Der Anlass, den sie zum Verkaufsargument machen, ist es nicht.
Dieser Beitrag ist eine redaktionelle Einordnung und ersetzt keine individuelle Rechts-, Steuer- oder Finanzberatung. Für die konkrete Ausgestaltung von Nachfolge und Notfallvorsorge sollten fachkundige Beraterinnen und Berater hinzugezogen werden.